Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

21OKT2025
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Im Gedränge am Stuttgarter Hauptbahnhof habe ich ihn zuerst nur von hinten gesehen. Er hatte viel längere Haare als ich es in Erinnerung hatte, aber Größe, Figur und Körperhaltung haben gestimmt. Also hab ich ihm auf die Schulter getippt und, wie der junge Mann sich umdreht, sehe ich meinen jüngsten Sohn vor mir stehen.

Ich hatte es eilig an diesem Morgen. Auf Gleis neun war gerade durchgesagt worden, dass mein IC heute von Gleis drei abfahren würde, und mit dem umständlichen Gepäck, das ich bei mir hatte, war ich nicht gerade die schnellste. „Wo fährst du hin?“, habe ich ihn gefragt und „geht’s dir gut?“ Seine Antworten fielen genauso knapp aus: „Nach Hause“, hat er gesagt und „ja. Muss ja.“ „Ja, ich muss dann auch …“

Wir haben uns noch zugelacht. Dann bin ich zum Gleis drei gelaufen und in meinen Zug gestiegen. Die zufällige Begegnung hat mir das Herz erwärmt. Gleichzeitig war ich traurig, dass ich die Chance hatte verstreichen lassen, noch mehr und länger mit ihm zu reden. Hätte ich den Zug nicht fahren lassen sollen und ihn auf einen Kaffee einladen? Und ob er mitgekommen wäre?

Mein Sohn hat vor mehr als einem Jahr ziemlich abrupt den Kontakt zu mir abgebrochen. Ich weiß bis heute nicht, was der Auslöser dafür war. Wir haben eine schwierige Geschichte wie viele Adoptivkinder sie mit ihren Adoptiveltern haben. Mir ist bewusst, dass ich viele Fehler gemacht habe. Gerne würde ich mit ihm darüber reden. Aus unserer gemeinsamen Geschichte habe ich aber auch eigene Verletzungen mitgenommen und immer Angst, dass sie aufbrechen könnten. Eigentlich lerne ich gerade zu akzeptieren, dass er seinen eigenen Weg gehen muss und dass ich eben nicht zu den Menschen gehöre, die ihm dabei helfen können. Ganz schön schwer!

Mir helfen in dieser Situation andere, denen es genauso geht. Maria zum Beispiel, eine Mutter, die auch damit leben muss, dass ihr Sohn sich von ihr abgewendet hat. Sie war stolz auf ihn. Ganz am Anfang seiner Karriere hat sie mal seine Geschwister mitgeschleppt zu einem seiner Auftritte. Als man sie dann als Ehrengast in die erste Reihe schieben wollte, musste sie sich aus dem Mund ihres Sohnes die Frage anhören, was das denn soll? Dann hat er auf sein Publikum gezeigt und gesagt: „Ihr seid meine Familie!“ Mit dieser Watsche hat sie dann weitergelebt. Aber vielleicht hat sie sich in einzelnen Momenten doch auch dran gefreut, wie unbeirrt ihr Ältester den Weg gegangen ist, den er für sich als den richtigen erkannt hat. Das versuche ich auch und bewege dazu sein Bild von jenem Morgen am Bahnhof in meinem Herzen.

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