SWR Kultur Lied zum Sonntag

19OKT2025
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Orgel Vorspiel

 

Der erste tote Mensch, den ich gesehen habe, war mein Großvater. Wir hatten nie ein sonderlich enges Verhältnis, obwohl er direkt nebenan wohnte. In meiner Erinnerung war er immer steif und streng, ich hab ihn nie lachen gesehen. Vielleicht kein Wunder. Er hat zwei Weltkriege überlebt und eine Schule geleitet. Da kann einem das Lachen vergehen. Aber wie er da so lag, tot und kalt, da konnte ich mit meiner Trauer nicht so richtig umgehen. Wusste nicht wohin damit. Und hab das erste Mal so richtig verstanden, dass das ein Schicksal ist, das auch mir blüht. Das mein Leben auch nur seine begrenzte Zeit hat.

 

Stimmwerck

  1. O Welt, ich muss dich lassen, ich fahr dahin mein Straßen ins ewge Vaterland. Mein Geist will ich aufgeben, dazu mein Leib und Leben legen in Gottes gnädg Hand.

 

O Welt, ich muss dich lassen, ein Choral, der zu meinem toten Großvater passt. Er nimmt diese besondere Stimmung auf: die Endlichkeit des Lebens, aber auch das Abschied nehmen. Und nicht zuletzt: Die Hoffnung, dass das eigene Leben am Ende in Gottes Hand liegt. Wenn ich meiner Trauer von vor vielen Jahren nachspüre, dann merke ich auch: Musik macht die Tränen ein bisschen weniger salzig, macht das Herz ein bisschen leichter.

 

Playfords Instrumental

 

O Welt, ich muss dich lassen, hat eine verschlungene Entstehungsgeschichte. Es greift eine alte, bekannte Melodie auf. In der Kunst spricht man von Kontrafaktur. Ein Beispiel: Aus Shakespeares Romeo und Julia wird die West Side Story von Leonhard Bernstein. O Welt, ich muss dich lassen geht auf ein altes Volkslied aus dem 16. Jahrhundert zurück: Innsbruck, ich muss dich lassen. Da muss jemand seine Liebste verlassen. Er klagt, verspricht ihr Treue, hofft, dass Gott sie beschützt.

 

Calmus

  1. Innsbruck, ich muss dich lassen, ich fahr dahin mein Straßen, in fremde Land dahin. Mein Freud ist mir genommen, die ich nit weiß bekommen, wo ich Elend bin.

 

Ein unbekannter Dichter macht dann aus dem engen Innsbruck die ganze Welt. Aus dem Abschiedslied ein Glaubenslied. Aber auch ein Lied, dass das Sterben radikal in den Blick nimmt. Da wird nichts beschönigt. Melodie und Text geben der Trauer Buchstaben und Töne. Der Tod verändert den eigenen Blick auf das Leben.

Ich habe das erlebt, als mein Vater starb. Hab deutlich gespürt, was es heißt, dass das Leben angesichts seiner Kürze kostbarer wird. Worte, die nicht gesagt wurden, Versöhnung, die verpasst wurde, das alles kann nicht nachgeholt werden. Vergangene Zeit kommt nicht mehr zurück. Und trotzdem bleibt viel von den Toten: Erinnerung, eine bestimmte Geste, ein typischer Satz, ein Licht.

Da passt es, dass Paul Gerhardt auf die bekannte Melodie wieder ein neues Lied schreibt. Nun ruhen alle Wälder. Ein Lied, das auch um Sterben kreist, aber auch von seinem Gegenteil erzählt: Dass auch die Nacht und das Dunkel bewahrt werden. Dass meine Trauer begleitet werden kann: durch andere Menschen, durch Gott. Ich finde: Ein tröstlicher Gedanke.

 

Gerhaher/Huber

  1. Auch euch, ihr meine Lieben, soll heute nicht betrüben, kein Unfall noch Gefahr. Gott laß euch selig schlafen, stell euch die güldnen Waffen ums Bett und seiner Engel Schar.

Musik

01 O Welt, ich muß dich lassen; Orgel: Haas, Rosalinde

02 O Welt ich muss dich lassen; Stimmwerck

03 O Welt, ich muss dich lassen; The Playfords

04 Innsbruck, ich muß dich lassen; Calmus Ensemble Leipzig

05 Nun ruhen alle Wälder; Gerhaher, Christian/ Huber, Gerold

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