SWR Kultur Wort zum Tag
Kiruna im äußersten Norden von Schweden: Dort steht eine der schönsten und berühmtesten Holzkirchen der Welt. In wunderbarem Rotbraun erstrahlt sie und sieht aus wie aus einem skandinavischen Bilderbuch. Unzählige Menschen besuchen sie Jahr um Jahr. Aber die Idylle ist bedroht. Durch den Bergbau ist die Stadt einsturzgefährdet. Nach und nach soll ganz Kiruna deshalb verlegt werden. Auch die Kirche ist gefährdet. Sie ist nicht nur schön, sie ist auch schwer: ganze 670 Tonnen bringt sie auf die Waage.
Die Menschen von Kiruna haben ihrer Kirche darum kurzerhand Räder angelegt, um sie zu verschieben. Fünf Kilometer weit sollte die Kirche rollen. Zwei Tage lang hat die Prozession gedauert. Meter für Meter hat sich die Kirche auf Rollen durch Kiruna bewegt. Viele Menschen haben das Spektakel vom Straßenrand aus beobachtet. Sogar in der Tagesschau wurde es gezeigt.
Jetzt ist die Kirche wortwörtlich verrückt. Mit einem Augenzwinkern könnte man sagen: Gott ist umgezogen. Vorausgesetzt natürlich, man hält ein Kirchengebäude für eine Adresse, an der Gott zu finden ist. Schon oft habe ich mich gefragt, ob es so etwas wirklich gibt: heilige Orte. Plätze, an denen Gott mehr zuhause ist als an anderen. Ich habe dazu ein durchaus vielschichtiges Verhältnis. Einerseits sind Kirchen als Gotteshäuser für mich Räume des Gebets, der Freude, auch zum Traurig sein. Auf jeden Fall sind sie Orte der Gottesbegegnung.
Andererseits glaube ich: Gott lässt sich nicht einschließen. Auch nicht in die allerschönste Holzkirche. Doch wo ist Gott dann zu finden? Ein christlicher Vorschlag lautet: in der Gemeinschaft. Jesus hat einmal gesagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Gott lässt sich in der Gemeinschaft finden. Und so erlebe ich es auch: wenn ich mit anderen gemeinsam Gottesdienst feiere. Das macht auch den Kirchenumzug in Schweden um einige Tonnen leichter. Genau wie die Kirche ist auch Gott fünf Kilometer weiter zu finden. Nämlich dort, wo Menschen sich versammeln und Glaubenserfahrungen miteinander teilen. Sei es in der wunderbaren Holzkirche oder ganz woanders.
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