SWR4 Sonntagsgedanken
Glauben können …
Glauben kann Berge versetzen. Eine alte Redewendung. Aber stimmt die auch? Das will der britische Schriftsteller Adrian Plass herauskriegen. In seinem Tagebuch nimmt er das Berge-Versetzen ernst. Er macht ein Experiment. Plass schreibt: Ich „begann, mit einer Büroklammer zu üben. Legte sie auf meinen Schreibtisch und wollte, dass sie sich bewegt. Nichts! Versuchte, es ihr mit lauter Stimme zu befehlen. In diesem Moment kam Gerald herein und fragte: "Warum schreist du so rum, Papa?" Konnte ihm schlecht erklären, dass ich einer Büroklammer Kommandos gab!“
Für das missglückte Experiment gibt es drei Schlussfolgerungen: A) Der Mann glaubt nicht genug. B) Glaube kann keine Büroklammern und erst recht keine Berge versetzen. C) Die Redewendung ist gar nicht wörtlich gemeint.
Für die letzte Lösung spricht: Beim Berge-Versetzen geht es um eine Metapher. Es ist ein Bild. Ganz egal, wie sehr ich glaube, die Büroklammer bleibt auf dem Schreibtisch liegen und jeder Berg da, wo er ist.
Das Bild, dass der Glaube Berge versetzen kann, weist in zwei Richtungen. Ich erfahre oft, dass das unheimliche Kräfte freisetzt, wenn ich mich an was ranwage und sicher bin: Das klappt bestimmt. Kinder sind so ein Wagnis. Hab ich selbst erlebt. Kinder, das sind riesige Berge. Herausfordernd, anstrengend. Aber oft genug habe ich mit ihnen tolle, beglückende Gipfelmomente erlebt. Ohne den Glauben, dass das schon klappen wird, hätten wir die Kinder nicht groß gekriegt. Aber ich weiß auch: Berge-zu-versetzen, das ist kein Selbstläufer. Kann misslingen. Egal, wie positiv ich denke. Da packe ich den Halbmarathon viel langsamer, als ich gedacht habe. Da kann ich nicht dafür sorgen, dass unsere Tochter gesund wird. In solchen Situationen komme ich an meine Grenzen.
Hier kommt ein zweiter Aspekt ins Spiel. Die Kraft für meine Aufgabe, die bekomme ich auch daher, dass andere an mich glauben. Dass andere auf mich vertrauen. Mir sagen: Du schaffst das. Ich glaub‘ an dich. Das setzt Kräfte frei. Und ist manchmal ein Glaube, der mich dann Berge versetzen lässt.
… braucht Liebe
Dass ich mir selbst was zutraue, das ist oft die halbe Miete. Und dass andere an mich glauben, das ist dann die andere Hälfte. So gelingt vieles im Leben. Aber eben nur vieles. Ist der Glaube auch noch so groß, ich kann trotzdem scheitern. Die Partnerschaft, die zerbricht. Die Kinder, die nichts mehr von sich hören lassen. Der neue Mitarbeiter, der so viel jünger und so viel besser ist. Der Körper, der einfach nicht mitmacht, egal, wie sehr ich mich auch anstrenge. Überall da kommt das Berge-Versetzen an Grenzen. Aber muss ich das überhaupt: Berge versetzen? Geht's nicht auch eine Nummer kleiner?
Ja, sagt das Hohelied der Liebe. Ein wunderbares biblisches Gedicht. Da heißt es: „Wenn ich die Sprachen aller Menschen sprechen würde und sogar die Sprache der Engel, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich doch nur ein dröhnender Gong oder eine lärmende Trommel. Wenn ich … alle Erkenntnis besitze, wenn ich einen so starken Glauben habe, dass ich Berge versetzen kann, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich nichts.“ (1 Kor 13,1-2)
Ich finde diesen Gedanken toll. Der entlastet mich. Gerade gegenüber all denen, die so viel mehr können als ich, die mehr wissen, mehr hinkriegen. Die jeden Tag mindestens einen Berg versetzen. Das Leben, so sagt das Hohelied der Liebe, ist kein dauernder Wettbewerb. Kein Höher-Schneller-Weiter. Das, was ich tue, egal ob groß oder klein, das wird erst wertvoll durch Liebe.
Im Alltag erlebe ich oft, wie richtig das ist. Da geht es weniger um große Taten als um kleine Gesten. Die Schaffnerin, die mich freundlich grüßt. Das kurze Gespräch an der Bushaltestelle. Die nette Mail mit dem Dank, die mich erreicht. Das alles hat mit Berge-Versetzen nur wenig zu tun. Und doch macht es mich froh, macht meinen Tag rund und gut. Deswegen setze ich auf die Liebe – und lasse die Berge da, wo sie sind.
Lk 17,5-10
In jener Zeit baten die Apostel den Herrn: Stärke unseren Glauben! Der Herr erwiderte: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer! und er würde euch gehorchen. Wenn einer von euch einen Knecht hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Komm gleich her und begib dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich und bediene mich, bis ich gegessen und getrunken habe; danach kannst auch du essen und trinken. Bedankt er sich etwa bei dem Knecht, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.
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