SWR Kultur Wort zum Tag

03OKT2025
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Heute ist Tag der Deutschen Einheit. Oder sollte es nicht eher heißen: Tag der deutschen Spaltung?

Vierzig Jahre lang war unser Land in zwei Hälften geteilt. Jahrzehnte davon getrennt auch durch eine Mauer. Unzählig viele Menschen haben darunter gelitten. Auch in meiner Familie war das so. Ein Teil hat im Westen, ein anderer Teil im Osten gelebt. Es war mit vielen Komplikationen verbunden, wenn man miteinander in Kontakt bleiben wollte. Besuche waren nur in Ausnahmefällen möglich. Der Traum, eines Tages wieder zusammen sein zu können: unvorstellbar.

In den Jahren der Trennung der beiden Deutschlands haben viele Kirchengemeinden große Anstrengungen unternommen, um die Brücken nicht abreißen zu lassen. Unzählige Partnerschaften zwischen West- und Ostgemeinden sind entstanden. Besuche wurden organisiert, wenn sie meistens auch nur von einer Seite möglich waren. Päckchen geschickt und Spenden organisiert.  

Ich war damals Pfarrer der evangelischen Studentengemeinde in Freiburg. Wir hatten eine Partnerschaft mit der evangelischen Studentengemeinde in Rostock. Zweimal im Jahr konnten wir uns unter strengen Auflagen zu Tagesbesuchen in einem Gemeindehaus in Ostberlin treffen. Gerade für uns aus dem Westen war es wichtig, bei diesen Treffen ein Gespür zu entwickeln für das, was unsere Partnerinnen und Partner in Ostdeutschland beschäftigt und bedrückt hat.

Seit fünfunddreißig Jahren ist der damals für unerfüllbar gehaltene Traum in Erfüllung gegangen. Wir sind wieder ein Land. Ohne Mauer. In Freiheit. Und Demokratie. Aber das Zusammenwachsen gestaltet sich mühsamer als viele es damals in der anfänglichen Euphorie gedacht haben. Die staatlich verfügte Trennung ist zwar Geschichte. Nicht aber die Spaltung in den Köpfen.

Vor wenigen Tagen erst habe ich in einer großen deutschen Zeitung gelesen: „Die Spaltung der deutschen Gesellschaft, die seit Jahren ängstlich beschworen wird, ist offenbar endlich geglückt und weitgehend abgeschlossen – und jetzt stehen sich zwei Gruppen gegenüber und bekämpfen einander mit immer schärfer werdender Rhetorik... Sie interessieren sich nicht im Geringsten für die Argumente der anderen. Sie wollen nicht klüger werden, sie wollen sich nicht einigen, sie wollen den Streit gewinnen.“

Eine schmerzhafte Feststellung. Und ich frage mich, wie kann es sein, dass die Kräfte des Auseinanderdriftens und der Spaltung so stark geworden sind? Warum haben wir viele Ost-West-Partnerschaften so früh beendet? Wo sind die Geschichten und was die Werte, die uns nach wie vor verbinden?

Früher, erinnere ich mich, haben wir uns ziemlich regelmäßig Briefe geschrieben, Familienfeste gefeiert, uns besucht, wenn es staatlicherseits genehmigt wurde. Auch ganz praktische Dinge wie das gemeinsame Anpacken beim Flicken des undicht gewordene Kirchendaches haben dazu gehört.

Heute, wo so vieles möglich geworden ist, müsste es darum gehen, die gewonnene Freizügigkeit zu nutzen. Reisen „nach drüben“ zu machen, um Menschen, Städte und Landschaften im jeweils anderen Teil unseres Landes kennenzulernen. Eine Sprache zu pflegen, die nicht Unterschiede und Ausgrenzung verstärkt, sondern zusammenführt und verbindet.

Ich versuche, mir immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, was uns allen gemeinsam ist: dass wir Menschen sind, die nur eine begrenzte Lebenszeit haben. Geschöpfe eines Gottes. Und wir darum eine Schicksalsgemeinschaft bilden.

Und selbst da, denke ich, wo dieses Bewusstsein nicht dazu führt, friedlich miteinander auszukommen, könnte es eine Grundlage sein, um wenigstens in Frieden unterschiedliche Wege zu gehen.

Dann wäre dieser Tag ein guter Impuls, Spaltung und Zerrissenheit zu überwinden. Jeder noch so kleine Schritt dahin zählt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43045
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