SWR1 3vor8
Zu sehen, wie in den USA gerade Politik und Religion vermischt werden, wirkt verstörend. Dabei eignet sich die Bibel nicht, um politische Forderungen zu stützen. Parteipolitische schon gar nicht. Wer sie so als Steinbruch benutzt, nimmt sie nicht ernst, missbraucht sie letztlich für seine eigene Agenda. In dieser Hinsicht ist die Bibel kein politisches Buch.
Das heißt allerdings nicht, dass ihr Inhalt nicht politisch wäre. Etwa da, wo es darum geht, wie wir zusammenleben können. Wo ethische Fragen aufkommen. Wo gesagt wird, was vor Gott recht ist und was nicht. Einer, der klare Ansagen nicht gescheut hat, auch gegenüber den Mächtigen seiner Zeit, war der Prophet Amos. Gelebt hat er vor rund 2800 Jahren. Da haut er einer reichen und satten Oberschicht etwa um die Ohren: Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern … aber über den Untergang des Landes sorgt ihr euch nicht. Amos war ein Prophet, der scharf wie kaum ein anderer die krasse Ungleichheit im Land angeprangert hat. Der einer abgehobenen Elite vorhielt, dass ihr die Armut so vieler Menschen gleichgültig sei. Und bei all seiner beißenden Kritik beruft er sich auf Gott.
Sicher, die Gesellschaft im damaligen Israel ist mit der unseren kaum vergleichbar. Und trotzdem gibt es das Phänomen noch heute. Obszöne Ungleichheit in vielen Staaten der Erde. Wahre Abgründe zwischen Superreichen, die sich Weltraumtrips leisten, und Abermillionen, die kaum über die Runden kommen. Zum Teil trifft das auch in Europa zu. Träte dieser Amos heute auf, manche würden ihn wahrscheinlich als linken Spinner und Chaoten bezeichnen. Was dann wieder zu der Frage verleiten könnte, ob dieser Gott, in dessen Namen er spricht, etwa auch ein Linker ist?
Ist er natürlich nicht! Weil Gott eben weder links noch rechts noch sonst was ist. Gott hat kein Parteibuch. Und doch ist der Gott, den die Propheten verkünden und von dem auch Jesus spricht, ein parteiischer Gott. Weil er sich offenbar auf die Seite der Armen, der Unterdrückten, der Vergessenen stellt. Wenn ich die Wut des Amos richtig verstehe, dann richtet sie sich auch nicht gegen wohlhabende Menschen. Sie richtet sich gegen die Gleichgültigkeit. Dagegen, dass manche, die damals reich und mächtig waren, nur noch sich selbst genügten. Dass ihnen die Nöte der Schwächeren und der Zusammenhalt der Gesellschaft egal war. Es braucht Menschen, die darauf hinweisen. Laut und vernehmlich. Heute ebenso wie vor 2800 Jahren.
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