Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Im Lukasevangelium erzählt Jesus das Gleichnis vom verlorenen Sohn, oder besser vom barmherzigen Vater. Da lässt sich einer vorzeitig sein Erbe ausbezahlen, um ganz woanders sein Glück zu versuchen. Doch er scheitert grandios und landet in der Gosse. Ganz unten angekommen geht er in sich und beschließt, nach Hause zurückzugehen und den Vater um Verzeihung zu bitten.
Nach damals geltendem Recht hat er seine Chance gehabt. Rechtlich gesehen ist der Vater ihm gegenüber zu nichts mehr verpflichtet. Aber Recht und Ordnung stoßen manchmal an ihre Grenzen, nämlich dann, wenn der einzelne Mensch mit seiner Geschichte in den Blick kommt. Dann kann sich Mitgefühl regen und ein Urteil fällt milder aus. Welcher Vater oder welche Mutter käme tatsächlich auf die Idee, das eigene Kind vor der Tür stehen zu lassen, wenn es reumütig nach Hause kommt?! Ich kann es mir nicht vorstellen.
Das Gleichnis vom barmherzigen Vater stellt die Frage, welchen Sinn Regeln und Gesetze haben? Sind sie nur dazu da, dass wir uns an sie halten? Oder wollen sie Sicherheit bieten und das Zusammenleben stützen? Wenn sie das tun, kann es sehr sinnvoll sein, dass wir uns nach ihnen richten. Tun sie es nicht, müssen sie verändert oder abgeschafft werden.
Natürlich kann eine Gesetzgebung nie perfekt sein. Sie kann es gar nicht allen recht machen, schon allein deshalb nicht, weil es verschiedene Meinungen und Sichtweisen gibt. Ist es zum Beispiel sinnvoll, dass Jugendliche bei Landtags- und Kommunalwahlen ab 16 Jahren wählen dürfen, bei der Bundestagswahl aber erst ab 18? Mir erschließt sich der Sinn nicht. Aber ich bin froh, dass wir in einem Rechtsstaat leben, in dem wir über solche Fragen reden und sogar etwas verändern können.
Regeln und Gesetze sind wichtig. Sie geben Sicherheit und sie schaffen einen Rahmen für unser Zusammenleben. Und manchmal braucht es unser Mitgefühl, das diesen Rahmen sprengt, so wie in der Erzählung vom barmherzigen Vater.
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