Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Vor den Sommerferien war ich an einem Nachmittag in unserer Pfarrkirche. Ich wollte kurz nach dem Rechten schauen, Kerzen auffüllen und dann einfach ein paar Minuten still dasitzen. Da kam ein junger Mann in die Kirche und recht schnell ist mir klar gewesen, dass er mit jemandem reden wollte. Ich bin auf ihn zugegangen und habe mich als Pfarrer dieser Gemeinde vorgestellt. Und dann hat er mich gefragt, ob ich ihm die Beichte abnehmen würde. Das ist mir, ehrlich gesagt, schon sehr lange nicht mehr passiert. Die Beichte steht nicht besonders hoch im Kurs. Ich glaube, das liegt daran, dass diese Möglichkeit, etwas los zu werden und neu anzufangen, moralisch aufgeladen war. Ich kann mich gut an meine erste Beichte erinnern. Damit wir Erstkommunionkinder uns darauf vorbereiten konnten, hat uns der Pfarrer in der Schule ein Blatt ausgeteilt, auf dem Sünden nach unterschiedlichen Kategorien aufgelistet waren. Da standen Dinge drauf, auf die ich als Neunjähriger nie gekommen wäre.
Die Bibel spricht an verschiedenen Stellen von Umkehr zur Vergebung der Sünden. Sünde ist dabei weniger als moralischer Fehltritt zu verstehen. Der Begriff Sünde beschreibt eher etwas, das mir und meinem Zusammenleben mit anderen im Weg steht. Umkehr bedeutet: Mir ist das aufgefallen und klar geworden und ich gehe Schritte, es zu ändern.
Für mich ist die Beichte ein Gespräch auf Augenhöhe. Da kann sich jemand etwas von der Seele reden. Das ist ein erster Schritt und der ist heilsam, schon allein, weil man sich dabei selbst zuhört. Nach meiner Erfahrung wissen Menschen dann selbst sehr bald, was sie eventuell anders und vielleicht besser hätten machen können. Diese Einsicht darf ich als Priester bekräftigen und ich darf zusagen: Gott ist nicht nachtragend. Ich glaube, Gott freut sich, wenn ich einen Fehler bemerke. Und es ist befreiend, einen Fehler zuzugeben und um Entschuldigung zu bitten.
Es braucht Überwindung diesen Schritt zu gehen und darum habe ich Hochachtung vor dem jungen Mann, der sich mir anvertraut hat. Ich hoffe, unser Gespräch hat ihm gutgetan und er kann umsetzen, was er sich vorgenommen hat.
Für mich war das Gespräch mit ihm ein Anstoß, selbst im Alltag immer wieder den Mut aufzubringen, in mich zu gehen. Es tut gut, Fehler einzugestehen und, wenn nötig, mich zu entschuldigen und neu anzufangen.
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