Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Seit ein paar Tagen haben wir bei uns zu Hause zwei neue Mitbewohnerinnen: Zwei winzige griechische Landschildkröten, je 15 Gramm leicht und etwa so groß wie eine Streichholzschachtel. Wenn ich mir die beiden so anschaue, komme ich aus dem Staunen nicht heraus. So klein, so leicht und trotzdem schon so vollkommen und so selbstständig.
Ich weiß nicht genau, wann ich zuletzt etwas so bestaunt habe. Kinder sind darin besser. Uns Erwachsenen geht das oft verloren. Der griechische Philosoph Aristoteles sagt: „Staunen ist der Anfang aller Weisheit.“ Und ich glaube, er hat recht. Jede Wissenschaft lebt davon, dass jemand über etwas staunt und mehr darüber erfahren will. Die Forschung fragt nach dem „Wie?“ und dem „Wodurch?“ Und wo die Forschung mit ihren Fragen an ihre Grenzen stößt, da kommen die Philosophie und die Theologie ins Spiel und die fragen nach dem „Warum?“.
Die erste Schöpfungserzählung in der Bibel ist ein Beispiel dafür. Da staunen Menschen darüber, dass es diese Welt gibt mit der ganzen Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Sie staunen darüber, dass der Mensch existiert, dass Sonne, Mond und Sterne da sind und sie fragen sich: Warum existiert diese Erde? Warum existiere ich? Sie vermuten hinter all dem eine größere Macht. Und sie erzählen in poetischen Bildern, dass Gott diese Erde erschaffen hat und dass uns Menschen eine besondere Rolle zugedacht ist. Die Schöpfungserzählung singt ein Loblied über die Welt, über alles Leben und über Gott. Die Bibel will nichts darüber sagen, wie die Erde entstanden ist. Die Bibel fragt philosophisch: Warum gibt es das alles? Und die Antwort lautet: Weil Gott das alles gewollt hat und darum ist alles, was lebt, wertvoll und verdient, dass ich es achte und wertschätze.
Für mich ist diese Antwort wegweisend. Sie prägt meine Sicht auf die Welt, auf das Leben und auf alle Lebewesen. Wir Menschen sind ein Teil der Schöpfung und gleichzeitig mitverantwortlich für sie.
Jenseits der Frage, wie die Erde entstanden ist, will ich mir das Staunen und die Freude über das Leben bewahren. Die zwei kleinen Schildkröten zeigen mir, wie klein manchmal ein Grund zur Freude sein kann.
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