SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Heute wird in den meisten Kirchen Erntedank gefeiert. Wahrscheinlich ist es der Feiertag, der sich in den vergangenen Jahrzehnten mehr verändert hat als alle anderen Festtage. Denn früher waren viele Menschen mit der Landwirtschaft beschäftigt. Sie waren Bauer oder Bäuerin. Oder sie haben wenigstens bei der Ernte geholfen. Das ist heutzutage nicht mehr so.
Außerdem hat sich auch – ich sag` mal – das Handwerk der Landwirtschaft gewandelt. Mittlerweile gibt es ganz andere Geräte und Maschinen als früher. Überhaupt gibt es heutzutage ganz andere Möglichkeiten, um Einfluss auf Pflanzen und Tiere zu nehmen. Ich denke da zum Beispiel an die Entwicklung des Mineraldüngers im 19. Jahrhundert oder an die Erfindung der Melkmaschine. Selbstverständlich hatten die Landwirte vergangener Zeiten auch ganz viel Know How. Aber sie waren noch viel mehr vom Lauf der Natur abhängig.
Doch selbst wenn heute mehr Einfluss ausgeübt wird, es bleibt trotzdem etwas, das sich eben nicht beeinflussen lässt. Wenn die Sonne nicht scheint, dann kann man sie immer noch nicht übers Feld schieben.
Es gibt einen unverfügbaren Rest. Und um diesen Rest, um das, was ich nicht beeinflussen kann, darum geht es am Erntedankfest. Denn dieses Unverfügbare wird im Dank an Gott ausgedrückt. „Danke, dass die Sonne die Früchte süß gemacht hat. Danke, Gott, dass du keinen Hagel geschickt hast, der die Ernte zerstört.“ Sicher glaubt niemand mehr, dass Gott ganz direkt die Sonne scheinen lässt, oder die Regenwolken übers Land pustet. Dazu wissen wir heute viel zu viel. Trotzdem muss ich akzeptieren, dass es Grenzen gibt. Nicht alles kann der Mensch machen. Und er weiß auch nicht alles. Es bleibt eben etwas Unverfügbares.
Und an dieser Stelle kann ich mich einreihen, auch wenn ich kein Landwirt bin. Denn auch in meiner Arbeit und in meinem Leben gibt es diesen Rest, der unverfügbar ist. Das Erntedankfest erinnert mich daran. Und es macht mich demütig und dankbar, weil trotz Rest und Unverfügbarkeit doch so viel klappt und funktioniert.
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