SWR Kultur Wort zum Tag

30SEP2025
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Der dicke Engel ist abgestürzt. Jahrelang ist er mit mir umgezogen, von Wohnung zu Wohnung – zuletzt saß er auf meiner Fensterbank. Beim Blumengießen ist er mir jetzt auf einmal runtergefallen. Zack, liegt sein dicker Porzellanbauch zerbrochen da; die dünnen Kordelbeinchen hilflos auf dem Boden. Sein Kollege, der dünne Engel, sitzt allein auf seiner Fensterbank und – so kommt es mir vor – schaut betreten. 

Ich sammele die Scherben auf. Schnell merke ich: Das wird sich kleben lassen. „Ach, wenn es doch im Leben auch so wäre“, fährt es mir durch den Kopf: „Ein bisschen Sekundenkleber und alles wieder gut.“

Aber so einfach ist es nicht.  Im Leben ganz bestimmt nicht – und auch bei meinem Porzellan-Engel ist es nicht so einfach wie gedacht. Zwar lassen sich die Scherben zusammenleimen, aber man sieht die geklebten Stellen. Ganz so unbeschwert wie früher wird er nicht mehr sein. Er hat jetzt Risse, Sprünge, Narben. So wie wir Menschen auch.

Ein Engel mit Narben – vielleicht ist das ein schönes Bild für die christliche Auferstehungshoffnung. In den Narben ist das, was passiert ist, noch erkennbar. Bei meinem Engel: Der metertiefe Sturz vom Fensterbrett. Bei uns Menschen: Wo etwas zerbrochen ist oder unvollendet bleiben musste, oder wo die Seele eine Wunde trägt, die immer spürbar bleiben wird.

Die Bibel erzählt vom auferstandenen Jesus, dass auch er Narben getragen hat. Daran erkennt ihn der Jünger Thomas. Das finde ich bemerkenswert. Kein Menschenbild, demzufolge wir am Ende perfekt wären oder makellos. Kein Menschenbild, bei dem nur unsere guten Taten zählen. Im Gegenteil: Das Schöne und das Schmerzliche sind von Belang. Alles, was ein Mensch erlebt hat und was ihn ausgemacht hat.

Seine Narben bleiben sichtbar. Aber das sind ja verheilte Wunden. Sie sind nicht mehr gefährlich und schaden uns nicht mehr. Obwohl sie noch zu sehen sind, ist etwas wieder ganz geworden. So, sagt der christliche Glaube, ist es auch bei Gott: Kaputtes wird nicht ausgelöscht, sondern geheilt und verbunden.

Mein dicker Engel sitzt nun geklebt auf meiner Fensterbank und lässt wieder die Beine baumeln. Mich erinnert er daran, dass Narben mit dazugehören. Und der dünne Engel freut sich, dass er wieder da ist.

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