SWR3 Gedanken
„Ooooh“ macht mein eineinhalbjähriger Sohn – und zeigt auf den Boden unseres Balkons. Ich gucke kurz von meinem Buch auf, stimme ihm schnell zu: „Ja, da sitzt eine Hummel“. Und lese weiter. Aber mein Sohn lässt nicht locker: „oooh“. Also schaue ich nochmal hin. Die Hummel sitzt immer noch dort. Vielleicht ein paar Millimeter weiter rechts. Aber so richtig kommt sie nicht vom Fleck. Wenn ich sie mir genau anschaue, scheint sie ziemlich geschwächt. Und so starten mein Sohn und ich gemeinsam eine Hummelrettungsaktion: Mischen Zuckerwasser zusammen und tröpfeln es vor die Hummel auf den Boden. Wir schauen zu, wie die Hummel trinkt. Und tatsächlich: Nach kurzer Zeit schafft sie es, weiterzufliegen. Rettung geglückt! An was hat mich das jetzt erinnert? Daran, dass die Großstadt wenig insektenfreundlich ist, ja. Aber da ist noch was anderes. Mein Sohn hat ganz genau hingeschaut. In seinem Alter laufen Kinder ja mit dem Forscherblick durch die Welt. Alles wird genau inspiziert. Ich bin mit meinen Gedanken schnell wieder woanders. Aber er nicht. Und deshalb hätte ich ohne ihn wahrscheinlich übersehen, dass die Hummel Hilfe braucht. Mein Sohn und die Hummel haben mich an etwas erinnert, das mir wichtig ist: Genau hinzuschauen. Damit ich mitbekomme, wenn es anderen nicht gut geht. Auch wenn auf den ersten Blick alles in Ordnung scheint. Erst wenn ich richtig hinschaue, kann ich auch bemerken, ob jemand meine Hilfe braucht. Mit einer Umarmung, einer Tasse Kaffee, einem guten Gespräch. Oder mit ein paar Tropfen Zuckerwasser.
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