SWR3 Gedanken

23SEP2025
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Vor jedem Grab dasselbe: Ein bisschen Weihwasser verspritzen und ein Kreuzzeichen machen. Das ist Opa Max‘ festes Ritual. Bei jedem Spaziergang durch den Ort dreht er seine „Gräberrunde“ über den Friedhof. Immer in der gleichen Reihenfolge. Und dabei besucht er alle seine Freunde und Verwandten, die schon verstorben sind. Wie viele seiner Generation hat auch Opa Max sein ganzes Leben in diesem Ort gewohnt. Auf dem Friedhof sind deshalb viele Menschen begraben, die er kannte und die ihm wichtig waren. Und ihm wichtig geblieben sind - auch über den Tod hinaus. Indem er immer wieder ihre Gräber besucht hat, sind sie Teil seines Lebens geblieben. So eine Gräberrunde wie die von Opa Max können heute viele gar nicht mehr machen – ich jedenfalls nicht. In der Stadt, in der ich wohne, ist kein einziger meiner verstorbenen Verwandten begraben. Trotzdem will auch ich, dass die Verstorbenen Teil meines Lebens bleiben. Deshalb sorge ich anders dafür, dass ich im Alltag immer wieder an sie erinnert werde. An meinen Opa Günter zum Beispiel. In meinem Notizbuch steckt ein Bild von ihm. Wenn ich es aufschlage, lächelt er mich an. Darüber freue ich mich jedes Mal. Es tut mir gut, weiter an die Menschen zu denken, die mir wichtig waren. Und denen ich wichtig war. Ich spüre dann immer noch die Liebe, die uns verbindet. Auch wenn sie schon vor Jahren gestorben sind.
Vor ein paar Wochen ist auch Opa Max verstorben. Auch sein Grab ist weit weg. Ich werde mich anders an ihn erinnern müssen.  Aber wenn ich doch mal wieder in der Gegend bin, ist klar, was ich mache: Eine Runde über den Friedhof gehen. Ein bisschen Weihwasser, ein Kreuzzeichen. Und viele schöne Erinnerungen.

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