SWR1 Begegnungen

21SEP2025
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Marie Sophie George copyright: Privatfoto

Caroline Haro-Gnändinger trifft: Marie Sophie George.

Sie lebt mit ihrer Familie im Landkreis Esslingen. Mich macht es neugierig, dass sie schon in vielen unterschiedlichen Ländern gewohnt hat. Und ich will wissen, was ihr geholfen hat, so oft neu anzufangen. Sie zieht zum ersten Mal in den 1980ern um, aus dem Elsass auf die Insel Mauritius, mit ihren Eltern und ihrem Bruder, als Kind.

Ich war sehr klein. Ich war nur vier Jahre alt. Ich hatte eine tolle Kindheit, ja, wir haben am Strand gelebt. Ich bin barfuß jeden Tag in den Kindergarten gegangen, also es war ein ganz anderes Leben als im Elsass.

Es ist mehrere tausend Kilometer weit weg, Mauritius liegt vor Ostafrika. Die meisten dort sprechen Französisch, das macht es leichter anzukommen. Ihre Eltern gehen wegen der Arbeit dorthin, aber nicht nur deshalb:

Sie mögen Abenteuer und sind sehr neugierig auf andere Kulturen und sie waren auch in einem Beruf, wo sie es machen konnten, sie waren in der Textilindustrie und es gab nicht so viel Arbeit in Frankreich und darum sind wir nach Mauritius gegangen.

 

Und nach einigen Jahren ziehen sie weiter, nach Madagascar. Später geht Marie Sophie zum Studieren nach Frankreich – nach Nantes und Aix-en-Provence und nach Südamerika, nach Uruguay. Sie packt oft Koffer und Umzugskartons.

Ich mag es nicht so, wenn es zu viel Sicherheit gibt. Ich mag Herausforderungen, es ist für mich wie ein Antrieb, ein Motor.

Es weitet ihren Blick aufs Leben – sie sieht zum Beispiel, wie arm manche Menschen leben – dass schon Kinder im Müll nach Essen suchen müssen. Und dass andere im Wohlstand leben. So in andere Länder einzutauchen, das machen viele im Studium oder in der Ausbildung. Marie Sophie George hat auch danach immer wieder den Mut dazu. Vor fünf Jahren geht sie mit Mann und Kindern und schwanger nach Baden-Württemberg. Umziehen heißt auch Papierkram:

Ich erinnere mich, dass mein Mann drei Monate lang jeden Abend Papier gemacht hat: Kindergartenpapiere, Krankenkasse, Steuer.

Auch wenn es aufwendig ist, sieht sie darin eine Chance:

Ins Ausland als Familie, also mit Mann und Kinder, macht die Familie stark, weil wir etwas stark zusammen erleben.

Um wirklich anzukommen und sich wohlzufühlen, was braucht es dafür? Eine Wohnung, Arbeit. Und sie findet: offene Menschen:

Leute! Mit wem kann man reden? Über alles, um sich nicht verloren zu fühlen. Und das war nicht einfach am Anfang, wegen der Sprache.

Auch das braucht Zeit. Sie hat viele Neuanfänge versucht, ist immer wieder umgezogen. Was ihr geholfen hat, das möchte ich erfahren. Schließlich glückt nicht jeder Neustart. Sie hat es an einem Skiort erlebt. Sie ist damals zu ihrem Mann an den Berg Montblanc gezogen:

Viel Schnee, wir waren auf 1.000 Höhenmeter. Der Blick war wunderschön. Der Blick auf Mont Blanc war wie im Paradies, aber für ein Alltagsleben, für mich war es nicht einfach, weil ich habe mich oft isoliert gefühlt.

Denn der Ort ist sehr von Touristen geprägt und ihr fehlen Möglichkeiten, enge Kontakte zu knüpfen. Sie, ihr Mann und ihre Kinder ziehen um, und es geht eher zufällig nach Baden-Württemberg. Marie Sophie George sagt, dass sie einfach ein großes Vertrauen spürt, auch dass Gott auf ihrem Weg dabei ist:

Ich glaube, dass in diesen Situationen, Gottvertrauen ist superwichtig, ich würde nie es mir vorstellen, wie ich es ohne meinen Glauben machen könnte.

Und doch: Sie erzählt mir, dass es ihr schon wehtut, wegzugehen – von Freunden, die sie liebgewonnen hat. Und besonders als Familie.

Wir müssen auch Rücksicht jetzt nehmen auf unsere Kinder und Kinder haben Freunde und möchten nicht immer wieder umziehen.

An den neuen Orten haben sie immer wieder Unterstützung bekommen. Von Nachbarinnen zum Beispiel oder von Leuten aus einer Kirchengemeinde, die sie willkommen geheißen haben:

Also ich habe persönlich immer Leute getroffen, die haben geholfen. Wirklich. Und ich bin dafür sehr dankbar.

Sie möchte das auch weitergeben. Deshalb hilft sie in der Schule ihrer Kinder mit oder kocht auch mal mit geflüchteten Menschen französische Gerichte:

Ich finde, dass in einer Gesellschaft mit Wohlstand es auch Armut gibt. Und ja, es ist anders, aber es gibt auch Leute, die Hilfe brauchen.

Sich für andere engagieren – auch das macht es einfacher, neu Wurzeln zu schlagen. Außerdem: alte Freundschaften pflegen, auch wenn man inzwischen nicht mehr am selben Ort lebt. Es gibt ihr Halt.

Natürlich kann man nicht mit alle im Kontakt bleiben, aber mit Freunde, es ist wichtig und es gibt immer wieder schöne Treffen.

Und dann ist da noch die Arbeit – sie arbeitet aktuell mit Menschen mit Demenz. Eine neue Herausforderung - ihr ist es auch aus ihrem Glauben heraus wichtig:

Es ist eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenzkrankheit, In meiner Arbeit, wenn ich Leuten helfe, fühle ich mich mit Gott sehr nahe.

Ja, sie findet immer wieder Orte, wo man auch Gott nah sein kann - Marie Sophie George zeigt mir, dass Neuanfänge eine Chance sein können, egal, ob es ein neuer Wohnort ist oder neue Aufgaben. Und dass es guttut, auf Menschen offen zuzugehen, die neu sind im Verein, in der Kirchengemeinde oder in der Nachbarschaft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42979
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