SWR Kultur Wort zum Tag

In einer alten jüdischen Geschichte fragt der Rabbi: „Wann beginnt der neue Tag?“ Blöde Frage, kann man denken, ist doch klar: wenn die Nacht rum ist, wenn der Wecker klingelt, wenn die Sonne aufgeht. Das weiß der nachdenkliche Rabbi natürlich auch. Doch wie bei jeder echten Frage wird etwas Neues angepeilt, über das schon Gewusste und Selbstverständliche hinaus, deshalb gibt es ja auch keine dummen Fragen. Die Antwort des Rabbi hat es in sich: Der neue Tag beginnt, sagt er, „wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blickst und deine Schwester oder deinen Bruder erkennst. Doch bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“ Eine Antwort, die mich jedes Mal neu umhaut.
Bis dahin ist es Nacht bei uns, und das stimmt ja auch. Wenn ich mich den Tagesnachrichten aus der Ukraine, aus Gaza oder dem Südsudan überlasse, dann sieht es tatsächlich finster aus. Wenn ich den Zynismus der großen Weltpolitik mitbekomme, werde ich ratlos bis wütend. Manche sagen, die Welt sei derzeit am Taumeln. Was bisher Halt gab ist am Rutschen – politisch, sozial, auch religiös, und überhaupt. Ein Grundgefühl von drohendem Verlust frisst sich voran, als ginge es überall bergab. Das Schwarz-Weiß-Denken nimmt zu, die Stimmungen sind schnell gereizt und aggressiv gegeneinander. Dabei wäre es so einfach, wie der Rabbi sagt: dem anderen Menschen, der mir heute begegnet, wirklich ins Gesicht sehen und in ihm die Schwester erkennen, den Bruder: ob schwarz oder weiß, ob alt oder jung, ob faszinierend schön oder grenzwertig komisch, ob Aus- oder Inländerin - „alle Menschen werden Brüder“ - und Schwestern. Wenn wir diese Haltung nicht doch noch mehr in die Tat umsetzen würden. Entweder rücken wir zum globalen Dorf zusammen mit gleichberechtigter Bevölkerung oder das Ganze geht hoch wie beim Vulkanausbruch. Entweder Licht und der Blick in das fremde Antlitz, mit all der Bedürftigkeit und Schönheit darin, oder weiterhin „die im Dunklen sieht man nicht“. Der Rabbi hat Recht!
Der neue Tag, das ist nicht einfach der Sonnenaufgang kalendarisch heute am 11. Oktober, nein: es ist die Chance, dass die Schöpfung erwacht auf dem Gesicht des Mitmenschen. Und das hängt auch von unserem Blick ab, von offenen Sinnen und Gedanken. Man sieht nur mit dem Herzen gut.
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