SWR Kultur Wort zum Tag

09OKT2025
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Die Bibel hat schon Recht: “Jeder Tag hat genug eigene Plage“, auch heute (Mt 6,34). Aber ebenso realistisch dürfen wir doch ergänzen: jeder Tag ist auch für eine schöne Überraschung gut. Man darf den Tag auch vor dem Abend loben, jetzt schon, selbst wenn ein Berg von Arbeit und Problemen vor mir liegen sollte. Einer, der das lernte und lebte, war Dag Hammarskjöld. Deshalb schaue ich gern in seine innere Glaubenswerkstatt, sein Tagebuch. Da notiert er einmal: „Jeder Tag der erste.—Jeder Tag ein Leben. Jeden Morgen soll die Schale unseres Lebens hingehalten werden, um aufzunehmen, um zu tragen und zurückzugeben.“  Dieses Bild von der Schale unseres Lebens gefällt mir. Offen sein für das, was kommt. Womöglich klingt manches von gestern noch nach, vielleicht war die Nacht nicht so gut, und man konnte nicht schlafen, aber jetzt liegt ein neuer Tag vor uns, mit all seinen Routinen und Überraschungen. Dieser Dag Hammarskjöld hat das zum Ritual gemacht: abends gut abschließen, und jetzt auf   in den neuen Tag, offen und zupackend, vor allem zuversichtlich und mit viel Vertrauen. Das Bild von der leeren Schale klingt vielleicht ein bisschen idyllisch nach Kaffeekränzchen oder Teetrinken, aber Hammarskjöld war ein illusionsloser Realist, ein Arbeitstier könnte man sagen. Bloß mittendrin, als Grundhaltung von allem war ein innerer Friede, eine reine Empfänglichkeit.  Dieser Mystiker der großen Weltpolitik wusste sich im Dienst eines Höheren, er vertraute dem Wirken Gottes.  Seine Ein-Tages-Spiritualität finde ich sehr lebenspraktisch. Als wär‘s heute der erste Tag: was da auf mich zukommt, ist einmalige Chance, die will ich nicht verpassen. Selbst wenn es die übliche Routine wäre, heute ist heute und nur heute. Jetzt am Morgen also gilt es, die leere Schale dieses Tages hinzuhalten, „um aufzunehmen, um zu tragen, um zurückzugeben“.

Eine Mystikerin früherer Zeiten, Mechthild von Hackeborn, hat das vor gut 700 Jahren mal so beschrieben: „Wenn der Mensch wüsste, was er an einem einzigen Tag alles Gutes erleben und tun kann! Dann würde sich sein Herz, sobald es erwacht, mit großer Freude füllen: dass da ein Tag angebrochen ist, an dem er für Gott leben und sich entfalten kann. Und die Freude würde sein Herz so weit machen, dass er den ganzen Tag über zu allen Dingen, die er zu tun und zu ertragen hat, größeren Eifer und mehr Stärke hätte.“ Jeder Tag voller Chancen, dem ich dann hinhalten kann die Schale des Lebens, des Überlebens aller.

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