SWR4 Abendgedanken
Beethovenklänge aus dem Gefängnis? Eigentlich kenne ich von Gefängnissen nur die lauten Rufe von Fenster zu Fenster. Wer schon mal an einem Gefängnis vorbeigegangen ist, weiß: das ist ein sehr eigener Klangteppich. Aber jetzt gibt es mindestens eine Justiz-Vollzugsanstalt, da kommt auch mal Musik aus den Fenstern. Ein neues Projekt: In der JVA Wittlich gibt es Musikunterricht für Inhaftierte. 500 Männer sitzen in Wittlich ein. Einige davon erhalten jede Woche eine Stunde Klavierunterricht, und zum Üben ein Keyboard in die Zelle. Streng denkende Menschen werden jetzt vielleicht fragen: Was das soll? Wieso erhalten Strafgefangene auch noch Musikunterricht? Sogar als Einzelunterricht. Das ist unnötiger Luxus. Ja, Musikunterricht ist Luxus pur. Aber es gibt gewichtige Gründe für dieses Experiment.
Der erste Grund ist: Musikunterricht ist ein Mittel gegen Langeweile. Strafgefangene langweilen sich viele Stunden am Tag. Alles wird ihnen vorgeschrieben, sie können keine eigenständigen Entscheidungen treffen und können sich nicht bewegen, wie sie möchten. Nach der Arbeit vertrödeln sie gezwungenermaßen viel kostbare Lebenszeit. Nun sind sie nicht ohne Grund inhaftiert. Wie aber sollen sie wachsen und reifen – vielleicht zu neuen Lebenseinsichten finden - wenn sie nur die Zeit totschlagen? Klavierspielen lernen ist eine sinnvolle Aufgabe. Die kann sogar Spaß machen.
Ein zweiter Grund für den Musikunterricht im Gefängnis in Wittlich ist: ein Instrument erlernt sich nicht durch Zugucken, sondern nur durch Üben. Man muss sich dafür anstrengen. „Für Elise“ von Beethoven kann man erst spielen, wenn man viel dafür übt. Vielen Inhaftierten fehlt die Erfahrung, dass Erfolg mit Mühe und Fleiß zusammenhängt. Wenn sie tatsächlich fleißig üben, können sie erleben: mein Klavierspiel wird ja tatsächlich immer besser. Und das stärkt das Selbstbewusstsein.
Und vielleicht führt das auch dazu, dass diese Männer nach der Haftzeit keine neuen Straftaten mehr begehen. Sie haben gelernt, dass es sich lohnt, sich anzustrengen. Mit diesen neuen Fähigkeiten könnte es ihnen gelingen, in Zukunft straffrei zu bleiben. Das wäre für sie persönlich, für ihre Familien und Freunde eine wirkliche Lebenschance. Und es ist ein Gewinn für die ganze Gesellschaft!
Beethoven wäre damit sicherlich sehr einverstanden!
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