SWR4 Abendgedanken
Heute früh im Bus: Der blinkt bereits und will losfahren, eine junge Frau will noch mit und rennt auf uns zu. Der Fahrer hat es gesehen, öffnet die Türe noch einmal. Er wartet, bis die junge Frau eingestiegen ist. Ein atemloses „Danke“, dann fährt der Bus weiter.
Dieser kleine Moment ist wunderbar, finde ich. Wie ein kleiner, zufällig herumliegender Edelstein. Hier sind es gleich drei Edelsteinchen: Die Frau hat Glück gehabt und den Bus noch gekriegt. Der freundliche Busfahrer konnte den kurzen Moment abwarten und ihr dadurch helfen (das kann er nicht immer). Das atemlose Danke belohnt ihn in seinem anstrengenden Beruf. Und ich durfte schon am Morgen diesen Moment miterleben.
Schon seit vielen Jahren versuche ich jeden Tag, solche kleinen Edelsteine zu sammeln. Und ich muss sagen: Es liegen immer welche herum, manchmal sehr viele, manchmal wenigstens ein paar. Und wenn ich abends noch mal auf den Tag schaue, erinnere ich mich an all das, was meinen Tag reich gemacht hat. Dafür kann ich dem Leben danken, dafür kann ich meinem Gott danken.
Ja, ich weiß, es gibt oft vieles, was zu beklagen ist. Nicht immer gelingt der Tag, nicht immer geht einem das Leben leicht von der Hand. Dazu ist es oft zu kompliziert. Manchmal ist ein Mensch abends vielleicht einfach froh, den Tag geschafft zu haben. Hat nicht mehr viel Kraft für große Gedanken. Aber es kann sich lohnen, sich am Abend zu fragen: Gab es heute einen Edelstein-Moment? Vielleicht sogar mehrere? Dann erinnere ich mich: ah, da war diese nette Frau, die mich angelächelt hat. Da waren diese herrlichen Spätsommer-Rosen im Park. Ich hatte genug zu essen und zu trinken. Und einen Bus, der mich pünktlich in die Stadt gebracht hat.
Wenn ich mich abends noch einmal an diese Momente erinnere, wird mir ganz warm. Ich werde froh. Und dankbar. Was am Tag schwer war, soll nicht allein meine Gefühle bestimmen – die Edelstein-Momente gehören genauso dazu. Vielleicht probieren Sie es mal aus. Es lohnt sich.
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