SWR4 Abendgedanken
Alle paar Tage bringe ich mit dem Handkarren ein paar Gießkannen voller Wasser in den Park gegenüber. Für einige neu gepflanzte Bäume. Die brauchen viel Wasser zum Anwachsen in den ersten drei Jahren. Auch im Herbst und Winter. Alte Bäume können viele Tage ohne Regen aushalten. Die haben tiefe Wurzeln. Junge Bäumchen müssen diese Wurzeln erst bilden.
Zwei halbwüchsige Jungs sprechen mich an. Erst lachen sie über das Sammelsurium von bunten Gießkannen auf meinem Handkarren. Und dann sagt der eine: „Das finde ich gut, dass Sie die Bäumchen mit Wasser versorgen“. „Ja“, sage ich, „ich möchte, dass die gut anwachsen und später Schatten spenden. Auch für euch. Und wenn ihr mal „richtig“ groß seid, (beide grinsen) könnt ihr auch was machen für die Allgemeinheit.“ Sie nicken. Und sagen dann: „Aber erst mal müssen wir uns selber begießen!“ Jetzt grinse ich: „Damit ihr noch größer werdet?“ „Ja, mindestens einen Meter achtzig sollten es schon werden.“ Davon sind sie noch ein bisschen weg. Beide haben den Stimmbruch so gerade überstanden. „Einsachtzig, das werdet ihr bestimmt noch erreichen, oder sogar mehr“, ermutige ich sie.
Der Lebhaftere der beiden sagt etwas zögerlich: „Hm, da gibt es etwas, was das Wachsen verhindert.“ Er macht eine Pause und sagt dann vorsichtig: „Der Alkohol!“ Zeigt auf das süße Alkoholgetränk in seiner Hand. Und sucht meinen Blick. „Puh“, sage ich, und bin sehr berührt. Der Junge ist so kindlich ehrlich zu der fremden älteren Frau mit den bunten Gießkannen. So liebevoll und großmütterlich wie möglich sage ich: „Dann weißt du ja, wie du dir helfen kannst. Das Zeug weglassen!“ Logisch, dass ihn das derzeit nicht so wirklich überzeugt. In dem Alter ist das kaum zu erwarten - und doch schaut er mich treuherzig an. Wer weiß, wie das kurze Gespräch nachwirkt.
Wir wünschen uns einen schönen Abend. Und ich ziehe nach Hause mit meinen leeren Gießkannen. Mein Herz aber ist voller Freude, und voll stiller guter Wünsche für die Jungs.
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