SWR4 Sonntagsgedanken

14SEP2025
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Wenn ich aus dem Haus gehe, dann habe ich immer drei Dinge dabei:  Handy. Schlüsselbund und Geldbeutel. Ohne die geht überhaupt nichts. Wenn eins davon nur fehlt, dann fehlt mir etwas. Denn ohne Handy kann ich niemanden erreichen und niemand mich und die vielen Möglichkeiten, die mir das Handy sonst noch bietet, sind auch nicht möglich. Türen, die ich öffnen will, bleiben ohne meine Schlüssel verschlossen. Und fehlt das nötige Kleingeld geht trotz anderer Bezahlmöglichkeiten vieles noch immer nicht.

Seit einiger Zeit habe ich noch etwas dabei. Auf den ersten Blick passt es gar nicht so recht zum Handy, dem Schlüsselbund und Geldbeutel. Und ich staune über mich selbst, wieso es irgendwie seit kurzem dazugehört. Es ist ein kleines Holzkreuz. Gerade mal so groß, dass es in meine Hosentasche passt. Es ist ein Unikat. Seine Holzmaserung ist ganz besonders und mittendrin in meinem Kreuz ist ein kleines dunkles Astloch. Gefertigt haben es junge Menschen mit körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen. Sie leben in einer Einrichtung, die sie auf ihrem Lebensweg individuell begleitet und fördert. Im Krankenhaus in dem ich als Seelsorger arbeite, verschenken wir diese kleinen Kreuze immer wieder an Patientinnen und Patienten.

Auf die Idee das Kreuz in der Hosentasche mit mir herumzutragen hat mich ein Patient gebracht. Ins Gespräch vertieft liefen wir kürzlich durch den Wald, der an der Klinik angrenzt. Plötzlich blieb der Mann stehen und holte sein kleines Kreuz aus der Hosentasche und sagte zu mir: Das Kreuz ist für mich etwas zum Festhalten. Es war ein ganz besonderer Moment. Wir schwiegen kurz und schauten uns an. Ich dachte mir, der Mann weiß, wovon er spricht. Von all den Kreuzen in seinem Leben hat er mir schon viel erzählt. Den Abgründen und Krisen, die er durchleben musste. Wo es keinen Halt für ihn gab. Nichts zum Festhalten. Noch nicht einmal einen Strohhalm. Bis er das Kreuz fand.

 

Das Kreuz ist etwas zum Festhalten. Was mir der Patient gesagt hat, beschäftigt mich am heutigen Sonntag. Denn katholische Christen feiern in ihren Gottesdiensten das Fest Kreuzerhöhung. Es reicht bis ins 4. Jahrhundert zurück. Vielleicht ist es noch älter als das Weihnachtsfest. Damals entwickelte sich das Christentum von einer verfolgten hin zu einer tolerierten und sogar privilegierten Religion. Kaiser Konstantin wollte es so. Er ließ in Jerusalem, am Ort der Hinrichtung Jesu, einen großen Kirchenkomplex errichten. Seine Einweihung fand am 13. September 335 statt. Am darauffolgenden 14. September wurde das Kreuz Jesu, das Konstantins Mutter Helena glaubte gefunden zu haben, an einem erhöhten Platz aufgestellt. So konnte es von den vielen Gläubigen gesehen und verehrt werden.

Das Kreuz verehren. Ein seltsames Ritual ist das. Bis heute. Denn für die Römer war das Kreuz ein Galgen, um Verräter und Verbrecher brutal hinzurichten. Für die von ihnen eingenommen und besetzen Völker war es Ausdruck römischer Gewaltherrschaft und Brutalität. Eigentlich ist das Kreuz nichts zum Herzeigen. Und schon gar nichts zum Verehren. Erinnert es doch an eine Niederlage. An diesen Jesus, der gescheitert und ganz unten angekommen ist.  Und doch ist es Erkennungszeichen der Christen geblieben.

Das Kreuz steht bis heute dort, wo Lebenspläne durchkreuzt werden. Aber auch dort, wo Menschen über Leichen gehen. Dort wo wir fragen und an kein Ende kommen: Warum ich? Warum er? Warum sie? Warum jetzt? Da, wo es einem das Herz zerreißt, wo es zum Heulen ist, dort steht das Kreuz.

Das Kreuz führt Menschen aber auch zusammen. Denn dort, wo alles zum Himmel schreit, können wir Menschen über uns hinauswachsen. Wir werden solidarisch. Wir umarmen einander und hören zu. Tränen dürfen dann sein. Und miteinander schweigen wiegt dann vielleicht mehr als noch so viele gut gemeinte Worte. Bleiben und nicht weglaufen, darauf kommt es dann an.

Wir dürfen uns von den vielen Kreuzen im Leben nicht abstumpfen und entmutigen lassen. Denn nicht alles muss so bleiben wie es ist. Wir können den Kreuzen dieser Welt eines entgegensetzen: Ganz viel Liebe. Dieser Jesus hat es vorgemacht. Bis ans Kreuz. Ich nehme das kleine Kreuz mit. In der Hosentasche bei den Schlüsseln, dem Handy und dem Kleingeld. Auch ich halte mich daran fest. Wie Jesus an seinem Vater im Himmel. Dem hat er vertraut bis in den Tod.

Wenn ich mein Kreuz anfasse, sehe ich so viele Menschen vor mir. Die die das Kreuz hergestellt haben. All die Menschen, die ihre Kreuze tragen. Im Hospiz und auf der Intensivstation. Irgendwo. Nie namenlos. Im Krieg und auf der Flucht. Die Gesichter der Kinder, die längst nicht mehr lachen können. Die Bilder auf meinem Handy von den Menschen in den Katastrophengebieten. In Afghanistan im Erdbebengebiet. Bei den Sturzfluten und Überschwemmungen im Himalaya. Das Kreuz ist etwas zum Festhalten. Es schenkt Hoffnung. Der Mann hat recht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42944
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