Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
„Du, Heut Abend muss ich dir was erzählen…“ Manchmal schreibt mir das meine Frau tagsüber von der Arbeit aus, als WhatsApp. „Ich muss dir was erzählen…“
Und wenn wir uns dann abends sehen, dann höre ich, was ihr auf dem Herzen liegt: Mal, dass ihr 6jähriger Enkel zwei Tore beim Fußballturnier geschossen hat oder dass sie einen ganz tollen Mantel entdeckt hat und sich den für den Herbst gerne kaufen würde … „Du, ich muss dir was erzählen.“
Auch wenn es immer wieder notwendig ist, Dinge für sich zu behalten: Der Wunsch, das, was wir erleben, mit anderen Menschen zu teilen, gehört zu uns.
Ganz am Anfang der Bibel steht eine Geschichte, die diesem Bedürfnis auf den Grund geht. Es wird da berichtet, dass Gott, der Schöpfer, mit der Erschaffung eines ersten Menschen eben noch nicht fertig ist. Noch fehlt diesem Wesen etwas Entscheidendes. Und erst als Gott einen weiteren Menschen schafft, ist die Schöpfung vollkommen. Erst als Adam zu Eva und Eva zu Adam „Du“ sagt, verschwindet die Leere.
Für mich steckt in dieser alten Geschichte viel Wahrheit. Auch ich brauche ein Gegenüber. Denn wie oft stelle ich fest: es gibt Dinge, die kann ich mir selbst nicht sagen. Sowohl ein Kompliment als auch eine kritische Rückmeldung braucht ein Du.
Konkret: „Du Idiot!“ trifft in der Regel härter, als wenn ich mir sage „was bin ich nur für ein Idiot … Und bei allem Respekt vor der notwendigen Selbstfürsorge: Einen Blumenstrauß geschenkt zu bekommen, ist schöner als sich selbst einen zu kaufen.
Natürlich, immer einfach ist es mit anderen Menschen nicht. Manchmal sogar furchtbar kompliziert. Und, ja, ich habe tatsächlich auch nicht immer Lust zuzuhören, wenn mir meine Frau etwa erzählen will. Manchmal bin ich sehr mit mir selbst beschäftigt. Oder will nach einem langen Tag mit vielen Gesprächen meine Ruhe haben.
Und doch: ich bleibe dabei: Andere Menschen, zuweilen auch gerade die, über die ich mich ärgere, sind der Reichtum meines Lebens. Oder mit Worten von Hannes Wader, die mich seit langem begleiten:
Wer daran glaubt, alle Gefahren
nur auf sich selbst gestellt zu überstehn,
muss einsam werden und mit den Jahren
auch an sich selbst zugrunde gehen.
Und soll mein Denken zu etwas taugen
und sich nicht nur im Kreise drehn,
will ich versuchen, mit euren Augen
die Wirklichkeit klarer zu sehn.
Nun Freunde, lasst es mich einmal sagen:
Gut wieder hier zu sein, gut euch zu sehn
mit meinen Wünschen, mit meinen Fragen
fühl ich mich nicht allein: Gut euch zu sehn.
