SWR Kultur Wort zum Tag
„Gerade da, wo die Philosophie scheitert und die Vernunft sich hinter den Ohren kratzen muss, wo man ein Sausen hört, aber nicht weiß, woher es kommt und wohin es fährt – gerade da vermute ich Gottes Finger.“
So schreibt der Dichter Matthias Claudius im 18. Jahrhundert. Und ich merke: Das spricht mir aus der Seele.
Wir leben in einer Welt, die alles erklären will. Für jede Frage eine Antwort. Für jede Unsicherheit ein System. Und doch gibt es diese Momente, in denen ich merke: Das kann nicht alles sein. Da ist mehr. Mehr als wir Menschen wissen. Mehr als wir berechnen können. Etwas entzieht sich. Rutscht durch die Finger. Und genau da beginnt für mich der Raum des Glaubens.
Ich erinnere mich an einen Moment auf einer Wanderung. Frühmorgens, Nebel im Tal, die Sonne noch nicht da. Es war still. Und doch war da etwas. Ein Hauch. Wie ein sanftes Sausen. Nicht sichtbar, nur spürbar. Aber da. Kein Beweis. Kein Gedanke. Nur Gegenwart. Und ein Staunen, das mich durchdrungen hat. Als hätte jemand leise seine Hand auf meine Schulter gelegt.
In solchen Momenten spüre ich diesen „Finger Gottes“. Nicht als Eingreifen mit Gewalt. Sondern als leise Berührung. Die Bibel kennt solche Geschichten. Von Elia wird erzählt, dass er Gott nicht im Sturm, nicht im Feuer, sondern in einem „stillen, sanften Sausen“ begegnet.
Manchmal muss sich auch unsere Vernunft „hinter den Ohren kratzen“. Wenn das Leben nicht aufgeht. Wenn wir keine Erklärung haben für Schmerz, für Schönheit, für Wunder. Dann beginnt ein anderes Verstehen. Ein Verstehen des Herzens. Der Stille. Der Beziehung.
Auch in unserer Zeit, in der sich so vieles beschleunigt, in der das Laute über das Leise zu triumphieren scheint, sind solche Momente möglich. Vielleicht gerade dann, wenn wir nicht mehr alles verstehen müssen. Wenn wir die Kontrolle verlieren – oder sie bewusst loslassen. Und Gott nicht als Erklärung suchen, sondern als Gegenwart.
Ich glaube: Glaube lebt nicht vom Wissen. Sondern vom Wahrnehmen. Vom Hinhören. Vom Aushalten des Nicht-Wissens. Und von der Hoffnung, dass mitten darin Gott spürbar wird.
Nicht beweisbar. Aber da.
Wie ein Sausen im Wind.
Wie ein Finger, der etwas in mein Leben schreibt. Ganz leise.
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