SWR Kultur Wort zum Tag
Wir leben in einer Sicherheitsgesellschaft. Soziale Absicherung, Krankenversicherung, Rentensystem, Wohlstand und Vorsorge – vieles ist darauf angelegt, Risiken zu vermeiden, Krisen abzufedern, die Kontrolle zu behalten. Und vielleicht liegt deshalb auch der Wunsch nach einem Gott nahe, der genau so funktioniert: wie ein göttlicher Notfallplan. Ein Deus ex machina – das war im antiken Theater die Figur, die am Ende mit einem Kran auf die Bühne „herabgefahren“ kam, um das Chaos der Handlung mit einer letzten Wundergeste aufzulösen. Alles wird gut. Einfach so.
Aber der Gott, den Jesus zeigt, wirkt anders. Kein Eingreifen von oben, kein Retten per Kran. Sondern Herunterkommen in unsere Wirklichkeit. In das Chaos. In das Leiden. In die Ohnmacht. In das Sterben. Und genau das ist so schwer zu glauben: an einen Gott, der sich nicht als Sieger präsentiert, sondern als Verwundeter. Der nicht verhindert, dass wir leiden, sondern stillhält. Aber mittendrin ist. Als nah und tragend erlebt wird.
Ich frage mich: Hat dieser Gott eine Chance? In einer Welt, in der das Starke so viel zählt? Das Effektive, das Schnelle, das Nützliche? Vielleicht hat er es tatsächlich schwer. Und doch glaube ich: Genau dieser Gott ist es, der bleibt, wenn alle Sicherheiten bröckeln. Dann trägt nämlich keine Theorie mehr – nur noch Beziehung. Und dieser Gott sucht Beziehung, sucht Nähe. Nicht zu einer perfekten Version von uns Menschen. Sondern zu denen, die wir wirklich sind. Auch im Zweifel. Auch in der Angst. Gerade in der Ohnmacht. Im Leben. In dieser Welt.
Der von den Nationalsozialisten eingesperrte Theologe Dietrich Bonhoeffer hat dies im Gefängnis erfahren, wie seine Briefe eindrücklich belegen. Es ist gerade dieser Gott, an dem er festhält, wenn er schreibt: „Gott ist schwach und ohnmächtig in der Welt, und genau so, auf keine andere Art, kann er bei uns sein und uns helfen.“
Wenn ich das ernst nehme, gerade in diesen Zeiten – mit Kriegen, Krisen, Klimakatastrophe – brauche ich, so glaube ich, keinen Über-Gott, der alles repariert. Sondern einen Gott, der mitgeht. Der mitfühlt. Der mitträgt. Der in der Nacht nicht einfach das Licht anknipst, aber still bei mir bleibt. Und gerade darin Hoffnung wachsen lässt. Ganz leise. Ganz echt.
Kein Kran-Gott. Sondern ein Kreuz-Gott. Und genau deshalb: Ein glaubwürdiger Gott.
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