SWR1 3vor8
Der folgende Satz steht heute im Mittelpunkt des katholischen Gottesdienstes: Jesus sprach zu Nikodemus: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat[1].
Was wohl Abt Nikodemus Schnabel denkt, wenn er heute im Gottesdienst diesen Bibelvers hört oder selbst vorträgt? Abt Nikodemus leitet das Benediktinerkloster auf dem Zionsberg in Jerusalem. Dort kennt man diesen Satz aus dem Johannesevangelium gut, in dem von Liebe und ewigem Leben die Rede ist. Es ist für Juden und Christen ein heiliger Ort. Und Abt Nikodemus kennt die Bibelstelle bestimmt erst recht, weil er seinen Ordensnamen jenem biblischen Nikodemus verdankt. Der hat sich als jüdische Autorität seiner Zeit mit Jesus angefreundet und nun führen beide ein Gespräch miteinander: über den Glauben und das Leben, über Gott und die Welt. Das würde Abt Nikodemus heute, 2000 Jahre später, bestimmt auch gerne tun. Weshalb findet der Hass gerade hier in Jerusalem kein Ende? Wie kann ich da von Gott sprechen, der die Welt liebt?
Gott scheint in diesen Tagen im Heiligen Land, in Palästina fern zu sein. Die Wahrheit des schönen Bibelverses muss jedem bitter schmecken, der sie heute ausspricht. Von Rettung und ewigem Leben keine Spur. Stattdessen wird die Kriegspolitik der israelischen Regierung immer unbarmherziger. Auch zivile Ziele werden angegriffen. Die Not der Menschen im Gaza-Streifen schreit zum Himmel. Ich weiß natürlich, dass die Hamas Israel angegriffen hat. Ich weiß, dass Israel von Feinden umgeben ist. Das kleine Land der Juden hat jedes Recht, dass es sich wehrt und verteidigt. Aber mit dieser Brutalität, die so viele unschuldige Menschenleben fordert?!
Abt Nikodemus sieht das jeden Tag und kann dazu nicht schweigen. Im Blick auf die lange Zeit, die der Krieg nun bereits dauert, spricht er von „700 Tage Hölle von Gaza“ und ergänzt: „700 Tage geht der Blick immer wieder auf das Kreuz[2]“. Daran wird er auf dem Zion heute am Fest „Kreuzerhöhung“ besonders denken. Ein Fest, das ganz in der Nähe in Jerusalem seinen Ursprung hat, weil dort im Jahr 335 die erste Kirche über dem Grab Christi eingeweiht wurde. Gott hat seinen Sohn aus Liebe hingegeben, schreibt der Evangelist Johannes. Um die Wahrheit dieses Satzes muss Abt Nikodemus wohl ringen. Ich auch. Wie alle, die die Hoffnung nicht aufgeben, dass Gott das letzte Wort behält.
[1] Johannes 3,16
[2]https://de.catholicnewsagency.com/news/21163/jerusalem-abt-nikodemus-schnabel-nimmt-700-tage-holle-von-gaza-in-den-blick
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42927