SWR4 Abendgedanken
Es gibt Momente im Leben, da schaut man zurück: Ich frage mich, was ist mir in meinem Leben bisher gelungen? Was misslungen? Wo sind Lebensträume in Erfüllung gegangen und wo sind sie wie Seifenblasen geplatzt? Für mich ist dieses Revuepassieren lassen eine Art inneres Aufräumen. Zurückzuschauen hilft, um Gegenwärtiges besser zu verstehen oder einordnen zu können. Auch der Apostel Paulus schaut immer mal wieder auf sein Leben zurück.
Paulus hatte ein sehr bewegtes Leben. Als junger Mann hat er die Christen verfolgt. Doch dann ändert sich sein Leben komplett. Bei der Stadt Damaskus hat er eine Vision. Jesus begegnet ihm. Er wird Christ. In einem seiner Briefe schreibt er, was das für ihn bedeutet hat, den christlichen Glauben kennenzulernen. Er fällt ein hartes Urteil: „Alles, was mir damals als Vorteil erschien, sehe ich jetzt – von Christus her – als Nachteil.“
Wie kommt Paulus zu solch einer negativen Lebensbilanz? Liegt es daran, dass er gerade mal wieder im Gefängnis sitzt und nicht weiß, wie lange er noch zu Leben hat? Oder liegt es an der krassen Lebenswende, die er vollzogen hat? Holt ihn das jetzt ein? Sozusagen zwischen zwei Glaubenstraditionen zu leben?
In verschiedenen Briefen schreibt Paulus begeistert und engagiert darüber, was dieses Erlebnis bei Damaskus für ihn bedeutet: „Christus ist mein ganzer Gewinn.“ Was für eine starke Aussage. Klar und prägnant. Scheinbar kein Funke des Zweifels. Oder findet Paulus hier gerade so deutliche Worte, um sich selbst zu überzeugen? Will er sich ganz sicher sein, dass er in seinem Leben für die richtige Sache gekämpft hat?
Alles andere ist zum Nachteil und wertlos geworden. Ich könnte auch sagen: es ist Paulus verloren gegangen. Und dann schwingt da auf einmal ein wenig Melancholie mit. Kein Wunder: Vermutlich hat Paulus ab und zu seinen Wurzeln nachgetrauert – oder versucht ihnen weiterhin treu zu bleiben. Gleichzeitig hat er viel aufgeben müssen, durch seine Bekehrung zum Christen. Seine alten jüdischen Freunde wollten sicherlich nichts mehr von ihm wissen. Liebgewonnenes musste er loslassen. Sowas tut weh. Auch wenn man „innen drin“ weiß, dass es nicht mehr passt. Dass es gut so ist, weil man sich selbst eben verändert hat. Doch es ist und bleibt eben ein Abschied vom Gewohnten. Trotz aller Melancholie bleibt Paulus aber seinem neuen Weg treu. Er baut auf Christus und bekennt: „Zu ihm will ich gehören.“ Ich finde das bewundernswert.
Mareike Nix, Leinfelden-Echterdingen, Evangelisch-methodistische Kirche
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