SWR1 Begegnungen

Heute mit Martina Steinbrecher und Peter Brändle. Den Pfarrer aus Wendlingen am Neckar habe ich kurz nach dem 26. August getroffen. Dieses Datum weckt bei ihm zwiespältige Gefühle. Denn im Jahr 2022 hat er auf der Fahrt in den Urlaub an diesem Tag einen schweren Verkehrsunfall verursacht. Außer ihm wurden dabei zwei weitere Personen lebensgefährlich verletzt. Alle haben überlebt. Aber das war nicht von Anfang an klar. Peter Brändle erinnert sich an den Tag vor drei Jahren. In den Serpentinen, die sich in der Schweiz zum San Bernardino hochschlängeln, hat er gemerkt, dass er langsam müde wird.
Und dachte dann, komm, das schaffst du noch. Und dann fährst du durch den Tunnel und danach machen wir eine Pause, trinken Kaffee und dann ist eigentlich Italien schon vor dir. Und dann geht’s eh wieder.
Es ist der letzte Gedanke, an den Peter Brändle sich noch erinnern kann. Der Unfall selbst ist dagegen in seinem Gedächtnis wie ausgelöscht. Wahrscheinlich ist er kurz eingeschlafen. Sein Wagen gerät auf die Gegenfahrbahn und prallt bei 85km/h frontal mit einem anderen Auto zusammen.
Das war ein furchtbares Bild, weil ich in einem zerstörten Auto saß. Die Airbags waren offen. Durch den Schock hatte ich keinerlei Schmerzen. Ich bin dann rumgelaufen, habe versucht, die Tür bei der Christl zu öffnen. Das ging nicht.
Seine Frau Christl auf dem Beifahrersitz ist schwer verletzt. Und die Fahrerin aus dem entgegenkommenden Fahrzeug auch. Der Notarzt kommt, Hubschrauber und Krankenwagen; alle drei werden in eine Klinik in der Nähe gebracht. Es folgen verschiedene Operationen, danach ein Erwachen auf der Intensivstation. Was geht einem da durch den Kopf?
Ich hatte schon sehr schnell den sehr klaren Gedanken und auch Verdacht, dass ich wahrscheinlich der Verursacher bin und dass ich schuldig bin an diesem Unfall. Und damit hatte ich sehr, sehr zu kämpfen.
Peter Brändle kämpft nicht nur mit Schuldgefühlen, sondern mit einer wirklichen Schuld. Denn noch lange schwebt die dritte Person in Lebensgefahr. Versuche, über die dafür zuständige Opferhilfe Verbindung mit ihr aufzunehmen, scheitern. Bis heute hat die Frau auf seine Briefe nicht reagiert – es ist ihr gutes Recht.
Ich habe da lange dran rumgemacht und dachte dann irgendwann, ja okay, offensichtlich will sie das nicht. Aber das war und ist nicht so einfach.
Wie lebt man mit einer Schuld, ohne mit der Person, an der man schuldig geworden ist, ins Gespräch kommen zu können? Peter Brändle sucht Hilfe bei einem Seelsorger und väterlichen Freund:
Dem habe ich das Ganze auch geschildert und der hat mich da freigesprochen. Der sagte: Peter, ja, ohne dich wäre das nicht passiert, aber es war in keiner Weise irgendeine böse Absicht und mach dir dann nicht zu viele Vorwürfe. Und das hat mir sehr gutgetan.
Als die dritte Person außer Lebensgefahr ist, wird es für Peter Brändle leichter, diesen „Freispruch“ für sich zu akzeptieren. Aber der Weg zurück in den Alltag ist lang. Und auch sein bis dato gesundes Selbstvertrauen hat Schaden genommen.
Dass mir das passiert, das hat nicht nur an dem Auto einen Totalschaden, sondern in meiner Wahrnehmung als Autofahrer eine Delle hinterlassen. Und ich versuche da weiterzukommen, dass ich oft in meinem Leben gedacht habe, das schaffst du noch. Und jetzt komm, streng dich mal ein bisschen an, dann hältst du schon durch. Und das hat bis dahin eigentlich auch immer funktioniert. Und da hat es halt nicht mehr funktioniert.
Plötzlich braucht er andere Menschen, die ihm Selbstwertgefühl und Zuversicht geben. Seine drei Kinder sind ihm in dieser Zeit ein großer Halt. Und noch immer bewegt ihn sehr, was seine Tochter an einem trostlosen Tag zu ihm gesagt hat:
Papa, das schaffen wir schon. Und bisher war ich immer derjenige, der zu ihr gesagt hat: Nelly, das schaffen wir schon. Und da hat sie das zu mir gesagt, und das hat extrem gutgetan.
Als es Peter Brändle schon wieder besser geht, fällt seine Frau Christl ins Koma. Noch einmal beginnt eine schwere Zeit, ein Bangen zwischen Leben und Tod. Als sie doch wieder zu sich kommt, kann er dabei sein. Ein bewegender Moment. Die erste Frage der Krankenschwester: Wissen Sie, wer das ist?
Und dann hat sie mich angeschaut und hat gesagt: Ja, mein Liebling. Und das war sehr schön und sehr bewegend.
Peter Brändle sagt heute, dass dieser Unfall und seine Folgen, die gemeinsam durchgestandene Zeit, seine Frau Christl und ihn einander nähergebracht haben. Und wie hat der Unfall ihn selbst verändert?
Ich habe schon meine Energie und Kraft und meinen Lebensmut, auch manchmal vielleicht Übermut, nach wie vor in mir. Aber es gibt schon Dinge, die seit diesem Unfall anders sind. Also, ich glaube tatsächlich, ich lebe dankbarer. Ich habe auch das Gefühl, es gibt einen, der wollte, dass mein Leben noch nicht zu Ende ist.
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