Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Zehn Jahre „Wir schaffen das“. Was für ein Satz – Hoffnung pur - aus dem Mund von Bundeskanzlerin Merkel. Unzählige Freiwillige haben mitgehofft, geholfen und es geschafft, dass Geflüchtete frei in Deutschland leben können. Und es selbst schaffen.
Wie Ryyan Alshebl. Aus dem schwäbischen Ostelsheim. Rund 3000 Einwohner hat der Ort, keiner davon wollte Bürgermeister werden. Alshebl schon. Im April 2023 ist er mit großer Mehrheit gewählt worden. Er, ein Syrer, aus einem Dorf bei Damaskus, wird Bürgermeister in einem Dorf im Schwarzwald. Und das mit 30 Jahren. Nur acht Jahre zuvor, 2015, war er „einer von denen“, die zu uns gekommen sind. Damals 21 Jahre alt, ohne ein Wort Deutsch im Gepäck.
Gleich nach der Flucht paukt er Vokabeln, geht in den Sportverein, bewirbt sich um ein Praktikum im Rathaus. Und bald um das Bürgermeisteramt. „Die meisten waren erst zurückhaltend“, sagt er, „aber wenn man ihnen gut zuhört…“ Als er seine Vorstellungsrede hält, ist das Bürgerhaus voll. „Demokratie kann doch begeistern “, sagt er, mit schwäbischem Einschlag.
Alshebl sucht Fachkräfte für Kitas, arbeitet an besserem Nahverkehr und möchte - nachdem das letzte Lokal im Ort geschlossen hat - ein Dorfcafé aufmachen. „Die Leute sollen nicht nur vor der Glotze hocken, wir brauchen einander. Die Kirchengemeinde unterstützt mich dabei“, sagt er. Auch bei weiteren ehrgeizigen Zielen: Ostelsheim soll klimaneutral werden. Und zwar bald.
„Einfach ist das nicht als Bürgermeister“, meint er, „aber meine Eltern haben mir beigebracht, dass es Wichtigeres gibt als das bloße Überleben“. Nur einmal war das anders. Auf dem viel zu kleinen Schlauchboot, mit 47 weiteren Menschen. 30 km übers offene Meer. „Die Hoffnung hat uns getragen“, sagt Alshebl ernst, „die geb ich nie auf.“ Ryyan Alshebl – für mich ein syrisch-schwäbischer Hoffnungsmensch.
