SWR1 Begegnungen

… mit Martin Wolf und mit Carola Mehltretter. Dreißig Jahre alt ist sie, gläubige Christin, und sie hat eine lange Reise hinter sich. Ein ganzes Jahr lang ist Carola mit einem E-Bike durch zehn europäische Länder gefahren. Möglich war ihr das unter anderem, weil sie als Selbstständige im Socialmedia-Marketing arbeitet. Doch eine bloße Sightseeingtour durch Europa wollte sie nicht machen.
Ich bin auf die Idee gekommen, weil ich selber gemerkt habe, dass ich eigentlich gar nicht so richtig weiß, wie andere gläubige Christen in Europa ihren Glauben leben, was sie so beschäftigt. Und das hat mich sehr interessiert. Deswegen habe ich gesagt: Komm, Fahrradfahren ist billig reisen und ist auch ziemlich außerhalb meiner Komfortzone. Es könnte eine spannende Geschichte werden.
Was es dann tatsächlich auch geworden ist. Unter dem Titel „Rooted as one“, was so viel bedeutet wie: „Verbunden im einen Glauben“ hat sie in einem Videoblog immer wieder von unterwegs berichtet und inzwischen auch ein Buch über ihre Reise veröffentlicht. Über die „Challenge ihres Lebens“, wie sie selbst sagt.
Ich bin in München gestartet und bin dann hoch nach Schweden, durch Dänemark, Holland, Belgien, Frankreich. Ich habe sehr viel Zeit in Irland auch verbracht. Und dann Schottland und England und am Ende der Reise war ich in Spanien und Portugal.
Und wie kann ich mir das konkret vorstellen?
Ich bin meistens von Freitag bis Sonntag bei jemandem aus der Kirche, die ich besucht habe, untergekommen. Ein riesiges Privileg. Und da war ich natürlich ganz viel unter Menschen, habe ganz viele neue Leute kennengelernt. Und dann hatte ich einen ganz krassen Kontrast, ab Montag wieder unterwegs zu sein und lange niemanden mehr zu sehen.
Gab es da keine Sorgen um die Sicherheit? Ganz allein als junge Frau auf einem Fahrrad unterwegs. Oft in dünn besiedelten Gegenden. Übernachten bei Menschen, die sie selbst kaum kannte.
Ich hatte immer ein Satellitentelefon dabei, weil ich viel an Orten unterwegs war, wo einfach niemand gewohnt hat. Aber ja, es gab schon die ein oder andere Situation, die ein bisschen brenzlig war. Zum Glück ist nichts Schlimmes passiert und da muss jeder wissen, was für Risiken man bereit ist einzugehen. Ich bin sehr dankbar, dass ich bewahrt wurde.
Denn viel öfter hat sie auf ihrer Reise eine geradezu überwältigende Gastfreundschaft erlebt.
Welche Eindrücke aus diesem Jahr nimmt sie denn besonders mit?
So viele Menschen kennengelernt zu haben und die Perspektiven, die ich lernen durfte, sind sehr bereichernd. Aber auch für mich persönlich, in diesen Situationen, die sehr herausfordernd waren, wo ich ganz weit außerhalb von meiner Komfortzone war, nie wirklich eine große Fahrradtour gemacht hatte und auch sportlich nicht besonders war. Da durfte ich einfach praktisch erleben, dass Gott mich versorgt.
Wie sie das erlebt hat, das möchte ich natürlich wissen. Dabei ist sie auch an ihre Grenzen gekommen, hat mit sich gehadert und zwischenzeitlich sogar ans Aufgeben gedacht. Wer ist dieser Gott für sie?
Für mich ist Gott einfach jemand, der mich in meinem Alltag begleitet. Das, finde ich, ist das Schönste, was auch am schwersten in Worte zu fassen ist. Diese übernatürliche Hoffnung, die sich in einem breitmacht, wenn man betet und erlebt, dass Gott da ist. Vielleicht hat sich an der Situation erstmal nichts geändert, aber ich sehe mit so viel mehr Hoffnung auf das, was vor mir ist. Und das ist für mich das, was für mich am meisten meine Beziehung zu Gott ausmacht.
Nun kennen viele Menschen, die beten, aber auch das Gegenteil. Dieses Gefühl: da ist gerade niemand. Schweigen. Kein Gott, der mich hören will.
Also ich kenne durchaus Momente, wo ich dasaß, und gesagt habe: Was ist das jetzt Gott? Wie bin ich an diesem Punkt gelandet? Aber ich habe wirklich erleben dürfen, dass Gott mir gerade in diesen Momenten am meisten begegnet und dass es die Momente sind, wo ich zurückdenke und sage: Das ist da, wo ich Gott am intensivsten gespürt habe. Und deswegen versuche ich inzwischen, wenn ich in so Momente komme, mich daran zu erinnern. Und ja, die Lösung ist nicht immer die, die man sich wünscht. Aber ich hoffe, dass andere Menschen genau wie ich erleben können, dass Gott Hoffnung schenken kann.
Der Titel ihres Youtube-Kanals „Rooted as one“ betont die Einheit. Nun ist das Christentum aber in viele Glaubensrichtungen gespalten, mit zum Teil heftigen Konflikten. Ist es vielleicht doch nicht so weit her mit der Einheit der Christen?
Es ist wichtig, dass Probleme angesprochen werden. Ja, wir haben diese ganzen verschiedenen Ansichten und für mich ist das vollkommen in Ordnung. Die Aussage ist auf keinen Fall: Wir müssen uns in allem einig sein, aber können wir uns trotzdem einig sein, dass wir eins sind, dass wir zusammengehören? Das wünsche ich mir so sehr.
Ganz unterschiedliche Christen hat Carola in dem Jahr getroffen. Gibt es denn etwas, das all diese Begegnungen irgendwie gemeinsam hatten?
Prinzipiell habe ich wirklich überall gemerkt, die Leute haben so einen Wunsch danach, dass man diese Einheit mehr lebt und wahrnimmt. Am Ende ist jedem hoffentlich bewusst, dass uns etwas verbindet. Und wenn wir beide Christ sind, dann lieben wir beide Jesus auf verschiedene Arten und Weisen. Und das sehe ich als eine der größten Stärken, auch vom Christentum. Wir haben diese unsichtbare Verbindung zueinander. Und ja, eigentlich sollten wir das viel mehr nutzen, finde ich.
Carola Mehltretter, 1 Jahr, 10 Länder und die Challenge meines Lebens, Herder: Freiburg 2025
https://www.rootedasone.com/
Youtube: Rooted as one
Instagram: @rootedasoneofficial
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42903