SWR1 3vor8

07SEP2025
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Am Sonntagmorgen hat sich ein Bettler direkt vor die Kirchentür gesetzt. Es ist kurz vor zehn, und er weiß, dass hier gleich jede Menge gut Gläubige vorbeikommen. Menschen, die daran glauben, dass Gottesliebe und Nächstenliebe zusammengehören wie die zwei Seiten einer Münze. Wie zur Erinnerung daran hat der Mann einen Plastikbecher mit ein paar Münzen neben sich auf die Stufen gestellt. Ich sehe die Leute, die zum Gottesdienst kommen und ihre unterschiedlichen Strategien, mit dem Überraschungsgast umgehen. Einer holt sein Portemonnaie heraus und schüttet einfach die Abteilung mit den Münzen in den Becher. Andere übersehen den Mann geflissentlich, drücken sich innerlich und äußerlich an ihm vorbei. Eine Frau spricht ihn an, lädt ihn ein, doch mit hineinzukommen und gerne auch anschließend zum Kirchkaffee noch zu bleiben. Ohne Erfolg. Dann wird die Tür geschlossen. Drinnen beginnt nun der Gottesdienst. Und da wird heute über einen biblischen Text aus der Apostelgeschichte gepredigt, in dem sich genau so eine Szene abspielt: Ein Bettler sitzt in Jerusalem vor der Tür zum Tempel. Er ist gelähmt und wird dort täglich hingebracht, um sich ein paar Münzen für seinen Lebensunterhalt zu erbetteln. Und die Leute, die an ihm vorbeimüssen, um in den Tempel zu kommen, verhalten sich genau wie ihre späteren Nachfahren; da hat sich in 2000 Jahren nicht viel verändert. Aber dann kommen Petrus und Johannes vorbei. Und Petrus sagt zu dem Bettler: „Silber und Gold habe ich nicht, was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Und plötzlich spürt der Mann tatsächlich Kraft in seinen Beinen, rappelt sich auf und kann auf eigenen Füßen stehen, sogar hüpfen, tanzen und springen. Und in der Tat: Wer braucht da noch Silber und Gold, wenn er ein ganz neues Leben zugeworfen bekommt?  Es lohnt sich also, genau hinzusehen, was einer wirklich braucht und gut zu überlegen, was ich alles im Säckel habe. Petrus und Johannes haben es erfahren: Der Glaube an Jesus Christus ist eine große Schatzkiste, die ungeahnte Möglichkeiten birgt. Und vielleicht geht da am Ende noch viel mehr als gedacht.

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