SWR4 Abendgedanken
Ich gehe spazieren: ein langer Spaziergang im Spätsommer – und plötzlich kann ich einen Satz aus der Bibel regelrecht „riechen“, „schmecken“ und „sehen“: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“ (Psalm 34,9) Stimmt: ich rieche den Duft von Heu, sehe, wie die Hagebutten langsam rot werden, beiße in einen Apfel und denke mir: Wie gut es Gott in diesem Jahr mit uns meint.
Das Wetter war ideal für Obst und Früchte. Die Brombeerranken, die wild an dem kleinen schmalen Weg wachsen, sind voll von schwarzen Früchten. Mirabellen- und Zwetschgenbäume biegen sich unter der Last reifer Früchte. Auch die Birnen- und Apfelernte wird reich und üppig ausfallen.
So gehe ich gerne spazieren. Wenn ich eine Zwetschge probieren kann, die auf den Weg gefallen ist, mir die Finger klebrig werden vom Brombeersaft und die Beine zerkratzt sind von den Dornen.
Hier kann ich die ganze Fülle des Lebens schmecken, sehen und riechen.
Und dann kann ich nicht anders. Ich muss einfach etwas davon festhalten. Festhalten für später. Deswegen pflücke ich so gerne Brombeeren und mache daraus Marmelade. Weil die Marmelade mich dann auch in den Wintermonaten an die goldenen Tage im Spätsommer erinnert.
Aber ich behalte die Marmelade nicht nur für mich und meine Familie, sondern ich verschenke sich auch gerne. Gebe damit etwas weiter vom Segen der Ernte, von der Freundlichkeit Gottes, die ich beim Spaziergang empfunden habe.
Es ist toll, wenn mir das gelingt: Wenn ich etwas verschenken kann von der Freude, die ich beim Pflücken hatte. Ein besonderes Gefühl, das ich da draußen empfinde, das ich kaum in Worte fassen kann. Es ist ein Glücksmoment: Brombeeren naschen, ernten, Marmelade aus diesem Reichtum zu kochen. Dieser Moment lässt sich nicht wirklich einfangen. Er passiert. Das ist für mich die Freundlichkeit Gottes. Aber die Brombeeren, die mich daran erinnern, die kann ich mitnehmen.
Sie erinnern mich an den Moment. An die Wärme, an die klebrigen Finger, an die reifen Früchte, an ein bestimmtes Geschmackserlebnis des Lebens. Und wenn ich so ein Glas Marmelade dann verschenke, dann verschenke ich diesen besonderen Geschmack.
Schmecket und sehet wie freundlich der Herr ist. Und manchmal zeigt sich mir diese Freundlichkeit dann einfach auf einem Butterbrot mit Brombeermarmelade. Dann ist der Spätsommer vielleicht schon lange vorbei, aber ich kann ihn auf meinem Brot noch immer riechen, schmecken und sehen.
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