SWR4 Sonntagsgedanken
Jerusalem zur Zeit der ersten Christen: Am großen Tempel Gottes herrscht reges Treiben, wie jeden Tag. Denn da trifft man sich: zu den Gebetszeiten, um Geschäfte abzuschließen, Neuigkeiten auszutauschen. Und an den Zugängen und Toren zum Tempel, da sitzen die Bettler und die Armen und hoffen auf ein Almosen, auf ein paar Münzen zum Leben.
So die Szenerie – der Hintergrund, vor der die Bibel die folgende Geschichte entfaltet: Jeden Tag wird einer der Bettler an seinen „Stammplatz“ getragen - an eins der Tore zum Tempel – weil er lahm ist. Von Kindheit an hat er keine Kraft in den Beinen und Füßen, kann also nicht laufen, nicht arbeiten, nicht leben, wie die anderen. Und als an diesem Tag Petrus und Johannes – zwei der Jünger von Jesus – auf dem Weg zum Nachmittagsgebet bei ihm vorbeikommen, da bitter er natürlich auch sie um ein Almosen. Die beiden bleiben auch stehen. Aber dann sagt Petrus zu dem Lahmen: „Sieh uns an.“ Der macht das, sieht sie erwartungsvoll an in der Hoffnung auf etwas Geld. Aber Petrus sagt. „Gold und Silber habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Und greift den Mann bei seiner rechten Hand, zieht in hoch und stellt ihn auf seine Füße. Und – endlich tragen sie ihn. Der Mann kann gehen, laufen… er springt sogar umher – und lobt und dankt Gott von ganzem Herzen.
Eine Erzählung der Bibel, aus dem dritten Kapitel der Apostelgeschichte. Als Kind in der Kinderkirche war ich von solchen Geschichten immer ganz begeistert! Wenn ein Wunder passiert. Und hier sind es sogar nur die Freunde von Jesus, die das Wunder bewirken - gar nicht Jesus selbst. Jesus – der ist ja sowieso etwas Besonderes. Aber seine Freunde, seine Jünger – die sind ja fast so wie ich: einfach ganz normale Menschen.
Als Kind war ich begeistert. Heute – da bin ich eher nüchtern geworden. Es ist immer noch eine schöne Geschichte für mich, und trotzdem – wenn ich ehrlich bin – höre ich sie mir lieber nicht mehr an.
Weil ich mittlerweile - als Gemeindepfarrerin, aber auch privat: als Freundin, Kollegin, Tochter – so viele Krankheiten gesehen habe. Und mir so sehr ein Wunder gewünscht hätte… Ich versuche, genau wie Johannes und Petrus Namen Jesu Christi von Nazareth zu leben. Aber – ich kann keine Wunder bewirken. Und die beiden da aus der Bibel die sind eben doch ganz anders als ich.
Geht Ihnen das vielleicht auch so, liebe Hörerinnen und Hörer? Oder ist es für Sie ganz anders? Und wie ist es den Christen in früheren Zeiten gegangen? Denn auch die allerersten Christen konnten ganz bestimmt auch nicht alle – einfach so – ein Wunder bewirken. Und trotzdem ist die Geschichte ein Teil der Bibel geblieben. Und ist den Christen immer wichtig gewesen.
Deshalb noch einmal genauer: Was genau passiert da eigentlich?
Zuerst einmal: Petrus und Johannes bleiben bei dem Bettler stehen. Geben ihm nicht im Vorbeigehen ein paar Münzen in die Hand, wie das sonst wahrscheinlich üblich wäre. Und Petrus ist es wichtig, dass der Mann, der da sitzt, ihn ansieht – dass sie sich beide ins Gesicht blicken. Wirklich einander sehen. Und dann sagt Petrus zu dem Mann: „Was ich habe, das gebe ich dir.“
Und ich, als ich diesen Satz begreife, wünsche mir immer noch, dass ich Wunder bewirken könnte. Aber diese Gabe „habe“ ich nun mal nicht. Petrus und Johannes in der Geschichte haben sie. Ich – habe vielleicht etwas anderes. Eine andere Gabe, die ich im Namen Jesu Christi weiter geben kann: Vielleicht tatsächlich Geld, für jemanden, der in Not ist. Oder die Zeit, die ich mir als Pfarrerin und Seelsorgerin nehmen darf, um jemandem zuzuhören. Für ihn da zu sein. Mit guten Worten – auch etwas, das ich „habe“.
Und was ich habe, das möchte ich geben – wo jemand darum bittet oder es gut brauchen kann. Wunder bewirke ich damit keine. Aber– im Namen Jesu Christi – etwas bewirke ich.
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