SWR Kultur Wort zum Tag
Der September ist musikalisch inspirierend. Im Übergang vom Sommer zum Herbst ist die Stimmung dabei gerne melancholisch. Richard Strauß etwa setzt sich in seiner Komposition September mit der eigenen Sterblichkeit auseinander. Bei ihm klingt das – jedenfalls für meine Ohren – nicht morbid, sondern berauschend. Strauß zieht am Ende seines Lebens noch einmal alle Register. Der von ihm vertonte Text von Hermann Hesse trägt das Seine dazu bei: „Golden tropft Blatt um Blatt nieder vom hohen Akazienbaum. Sommer lächelt erstaunt und matt in den sterbenden Gartentraum.“ Da haben sich zwei Künstler im Pathos gefunden – obgleich Hesse die Straußsche Vertonung seines Gedichts gar nicht gefallen hat.
Neil Diamond erzählt in seiner Ballade „September Morn“ von zwei Liebenden, die ihre Liebe schon begraben hatten und sich nun fragen, ob es noch einmal neu funktionieren kann. Die schluchzenden Streicher verraten einem jedoch: das wird nichts, auch wenn die zwei tanzen, als ob es einen neuen Morgen für ihre Liebe geben könnte.
Ob nun eine Liebe oder ein ganzes Leben – im September klingt der Herbst an. Schön, wenn man das gelassen angehen kann wie Richard Strauß oder mit einem Tanz wie Neil Diamond. Mir gefällt‘s, weil ich finde, dass man jede Phase des eigenen Lebens feiern kann. Und, warum nicht, auch eine Liebe, die darum weiß, dass auch ein letzter Tanz sie nicht in einen glücklichen Altweibersommer retten kann.
Alles hat seine Zeit, heißt es im biblischen Buch des Predigers. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit, klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit. Und dabei gibt es die Jahreszeiten des Lebens, die Gott geschenkt hat. Wenn man am Rhein lebt, wie ich, kann man sich zur Musik von Richard Strauß und Neil Diamond einen Sonnenuntergang am Fluss vorstellen. Gerne mit einem guten Glas Wein in der Hand und dem Gedanken: mag sein, es ist das letzte Glas. Der letzte Tanz. Irgendwann wird das so sein.
Gut, wenn ich im September so denken kann, ohne verbittert zu sein. Meinetwegen melancholisch, das Leben ist ja eine wunderbare Sache, doch klug genug, um zu wissen, dass das Leben nicht ewig dauert. Sondern einmal, golden wie die Blätter von Hesses Akazienbaum, zu Boden sinken wird. Oder, wie ich es als Christin glaube: In Gottes Hand.
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