SWR Kultur Wort zum Tag
Es lohnt sich, im Sommer über den Herbst nachzudenken. Schließlich kommt der Herbst mit Sicherheit jedes Jahr nach Juli, August und September.
In der Bibel erzählt Jesus in einem Gleichnis die Geschichte eines Menschen, der sich selbstverschuldet in einer bedrohlichen Lage befindet. Er hat seinen Dienstherrn betrogen und in die eigene Tasche gewirtschaftet, es droht die Buchprüfung. Immerhin: Es bleibt Zeit zum Überlegen und Handeln. Der Mann entscheidet sich schließlich für eine überraschende Lösung. Er erlässt Schuldnern seines Dienstherrn eigenmächtig deren Schulden. Sicherlich nicht aus reiner Nächstenliebe oder revolutionärem Klassenbewusstsein. Er erhofft sich vielmehr, sehr berechtigt, dass sich die Beschenkten später erkenntlich zeigen werden, wenn ihm selbst der Herbstwind hart ins Gesicht wehen wird.
Ein ziemlich ungewöhnliches Jesus-Gleichnis. Ein Betrüger als Held. Ich finde dieses Gleichnis dennoch inspirierend. Wie wäre es als Ratgeber für die Zeit bis zur Rente. Bislang habe ich noch nicht darüber nachgedacht, was ich mit der vielen Zeit im Ruhestand anfangen will. Statt pünktlich mit Rentenbeginn panisch daran zu verzweifeln, dass ich beruflich nicht mehr benötigt werde, könnte ich vor dem Renteneintritt mit vollen Händen: schenken. Zeit – und, warum nicht, auch Geld. Schließlich hat man vor der Rente in der Regel mehr Geld als später.
Warum nicht überlegen, welchem Verein ich im Spätsommer des Lebens eine Spende zukommen lassen möchte? Warum nicht der gesamten Familie eine richtig schöne Sommer-Sause ermöglichen, mit leckerem Essen und Trinken? Warum nicht Kinder und Enkelin in einen netten Urlaub einladen? Einfach so. Freie Sommerzeit. Es liegt doch nahe, dass die Beschenkten dann im Herbst des Lebens, wenn ich mit viel Zeit zu Hause sitze, auch mal Lust haben, Zeit und schöne Abende mit mir zu verbringen.
Hat ein solches Vorhaben ein gewisses „Geschmäckle“? Wie ich dir, so du mir? In der Bibel steht als Fazit: Der Mann wird – ausgerechnet von seinem Dienstherrn! - gelobt, weil er klug gehandelt hat. Wohlgemerkt: Nicht sein Betrug an seinem Herrn ist klug, sondern die Art und Weise, wie er letztlich seinen Kopf aus der Schlinge zieht. Es ist klug, großzügig zu sein. Vor der Rente. Gerne auch mit Hintergedanken.
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