SWR Kultur Wort zum Tag
Der erste September. Noch Sommer, aber der Tag schmeckt schon ein bisschen nach Herbst. Die meisten Felder sind abgeerntet und die Tage werden kürzer. In einer sehr beliebten Kindergeschichte hat eine Maus Frederick die Sommerzeit genutzt, um Sonnenstrahlen, schöne Wörter und Farben zu ernten, während ihre Feldmauskollegen sich mit der Ernte von Samen und Nüssen abgemüht haben. Angeblich freuen sich dann in Hungerzeiten im Winter alle Mäuse an den gesammelten Sonnenstrahlen. Für Mäuse finde ich die Methode, sich im Winter auf gesammelte Farben zu verlassen, eher lebensgefährlich. Gerechte Arbeitsteilung stelle ich mir auch anders vor, aber es hat schon was, die Sommerzeit nicht einfach verrinnen zu lassen wie letzte Eistropfen in einem Glas Aperol Spritz.
Ich praktiziere schon seit vielen Jahren Exerzitien. Eine wichtige Übung in den Exerzitien ist die Übung der „liebenden Aufmerksamkeit“. Für eine Viertelstunde lasse ich abends den Tag in der Meditation an mir vorbeiziehen und stelle mir dabei vor, dass Gott mich und diesen Tag mit all seinen Ereignissen mit liebevollen Augen betrachtet. Ich habe festgestellt, dass ich viel zu viele schöne Dinge in der Hektik des Tages schnell vergesse – die schlechten bleiben leider eher haften – und dass diese Übung hilft, insgesamt dankbarer auf mein Leben zu schauen.
Sogar auf Ereignisse, die nicht so richtig erfreulich sind, kann ich dank dieser Übung mit mehr Gelassenheit blicken. Und so erblühen wunderschöne Sommertage, an die ich mich später gerne mit Wärme erinnern mag. Ein Reservoir der besonderen Art.
Gottes liebevollen Blick in dieser Übung stelle ich mir vor wie den Blick von entspannten Großeltern, die einen schönen Tag mit ihren Enkelkindern verbringen. Sie freuen sich mit jedem kleinen Glück und haben Geduld, wenn etwas nicht gleich klappt. Sie können auch trösten, wenn es nötig sein sollte. Sie haben Zeit und viel Liebe.
Ich glaube, auch Menschen, die nicht an Gott glauben, könnten so auf ihre Tage zurückblicken – und auf die nun schon fast vergangene Sommerzeit. Mit liebender Aufmerksamkeit, mit Geduld und Gelassenheit. Das ist wie ein spiritueller Vitamin D-Speicher, der hilft, die kommenden Nebeltage gut zu meistern. Nicht zuletzt: Auch Septembertage haben ihre eigene Schönheit, die gerne genossen und in der Betrachtung bewahrt werden will.
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