Begegnungen

Barbara Wurz trifft Irina Ose. Auch sie ist Pfarrerin und arbeitet bei der evangelischen Samariter-Stiftung in Württemberg als leitende Referentin für Diakonie und Theologie. Aber – was bedeutet das? Was ist ihre Aufgabe?
Ich sorge dafür, dass Diakonie drin ist, wo Diakonie draufsteht. Aber schlussendlich mache ich das nicht alleine, sondern ich unterstütze alle knapp dreieinhalbtausend Mitarbeitenden der Samariter Stiftung, um die Samariter-Stiftung als große diakonische Einrichtung erfahrbar zu machen.
Fast dreieinhalbtausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die, verteilt auf ca. 60 Einrichtungen und Diensten knapp 8500 Menschen versorgt und betreut: zum Beispiel in der Altenhilfe, der Hospizarbeit oder auch in der Eingliederungshilfe.
Und da ist es Irina Ose ein leidenschaftliches Anliegen, dass der diakonische Geist christlicher Nächstenliebe wirklich spürbar wird. Dass alle Menschen, die in einer Einrichtung aufeinandertreffen, sich gegenseitig wahrnehmen. Denn da gibt es manchmal auch Konflikte:
Also wenn uns dann vom Krankenhaus gesagt wird, die Person kann nicht mehr bei ihnen leben, die muss jetzt in eine Einrichtung, in der sie intensiv medizinisch betreut werden kann. Wenn dann Angehörigen sagen Nein, die Person lebt seit Jahrzehnten bei ihnen, die fühlt sich bei ihnen wohl. Die Person selber kann gar nichts sagen. (…) Dann gibt es vielleicht jemand von den Mitarbeitenden, der auch sagt: Ich ertrag das nicht, mir ist das nicht zuzumuten, solche Situationen.
Dann ist das ein echtes Dilemma. Und wie man in so einem Fall alle Beteiligten an einen Tisch holen kann und gemeinsam eine Lösung finden kann – dafür bietet Irina Ose Schulungen an. Eine von verschiedenen Schulungen. Und sie entwickelt Arbeitshilfen für den Alltag. Zum Beispiel eine Sammlung von Materialien, den sie „Kirchenjahresbegleiter“ nennt:
Wie kann ich mit Menschen etwas basteln? Aber wie kann ich auch reden über Weihnachtsbräuche? (…) In unseren Häusern und Einrichtungen gibt es ja auch Gottesdienste und Andachten. Aber in der gegenwärtigen Situation der Kirche haben die Pfarrer und Pfarrerin immer mehr die Herausforderung, dass sie da oft nicht mehr so viel Zeit dafür haben. (…) Und da habe ich mir jetzt so ein Modular System ausgedacht, ich nenn das den Andachtsbaukasten. (…), es gibt fertige Liedblätter, Es gibt eine Anleitung, wie ich mit einer Karaoke App fürs Gesangbuch arbeiten kann und es gibt fertige Ansprachen.
Irina Ose stellt – vielfältige Dinge auf die Beine – gemeinsam mit einer Kollegin, die mit 50% angestellt ist. Und bunt und vielfältig sind auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der 60 Einrichtungen der Samariter-Stiftung.
Also wir haben Mitarbeitende aus - ich sage zurzeit 85 Herkunftsländern. Menschen, die also aus einer unterschiedlich kulturellen Kontext kommen, Menschen, die ganz unterschiedlichen religiösen oder keinen religiösen Hintergrund haben, aber irgendwie alle eine ähnliche Werteorientierung haben.
Eine Werteorientierung, in der der diakonische Geist spürbar werden kann – ohne jemandem etwas überzustülpen, was der gar nicht will.
Letztens hatte ich mal ein Buddhist in einer Weiterbildung zum Thema christliche Abschieds Kultur, der gesagt hat: (…) Bei uns im Haus ist es so, dass ich das nicht mach. Natürlich, weil ich Buddhist bin, aber ich will da gut gebildet sein. Und ich bin dann der, der dafür sorgt, dass ich den anderen den Rücken freihalte.
Und Irina Ose erlebt: Manches ergibt sich in der zwischenmenschlichen Begegnung auch von allein:
(…) Und es waren auch Muslimas da. Und dann sagte eine christliche Mitarbeiterin, fragte, sie hätte immer so Skrupel zum Beispiel zu beten oder so eine Andacht zu feiern, weil sie niemand etwas überstülpen möchte. Und ich muss gar nichts sagen, weil dann haben dann andere Mitarbeitenden -eine hat gesagt Nein, das ist unheimlich wichtig. Ich habe bei meinem anderen Arbeitgeber gekündigt, weil die nichts hatten. Wir dürfen Menschen in so einer Situation nicht alleine lassen. Es kommt darauf an, wie wir‘s machen, ob wir Menschen vereinnahmen oder ob wir Raum lassen.
Begegnung ermöglichen – im Geiste der Nächstenliebe – das ist Irina Oses Anliegen. Dafür lässt sie sich immer wieder etwas neues einfallen, geht auch mal ungewöhnliche Wege. Und hofft, dass ihre Arbeit so noch ein wenig über die Grenzen der Samariter-Stiftung hinausreichen:
Ich hoffe ja immer ein bisschen, dass die Arbeit, die ich mache, auch mit dazu beiträgt, dass unsere Mitarbeitenden, dass unsere Bewohner und Bewohnerinnen, (...) auch eine Art der Gesellschaft erleben, in der respektvoll miteinander umgegangen wird (...) Und dass wir in diesem wie wir respektvollen Umgang miteinander leben - mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen - vielleicht auch ein bisschen Gesellschaft verändern.
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