SWR3 Gedanken

05SEP2025
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„Wir müssen in der Gesellschaft diskutieren. Da gibt es unterschiedliche Positionen. Wir kommen nicht drum herum. Aber wir können die Kanten des Tisches abrunden.“

Das war das Ende einer Mail, die ich vor kurzem bekommen habe. Davor haben ein Hörer und ich uns ein paar Mal Mails hin und her geschrieben, mit sehr unterschiedlichen Meinungen. Wir haben heftig gerungen. Und sind bis jetzt noch zu keinem Ergebnis gekommen.

Das Ende dieser Mail war aber wichtig für mich. Weil es mir signalisiert hat, dass mein Gesprächspartner meine Position für legitim hält. Er stimmt mir nicht zu. Aber er will bildlich gesprochen mit mir am gleichen Tisch sitzen. Das ist so viel wert.

Weil vielfach mein Eindruck ist: Wir befinden uns zwar alle im gleichen Raum, sitzen aber oft an unterschiedlichen Tischen. Und an diesen Tischen wird über die anderen hergezogen, Positionen ins Lächerliche gezogen.

Was für einen Unterschied würde es da machen, wenn man die anderen Mal an seinen Tisch holt? Das haben mein Email-Gesprächspartner und ich schon geschafft. Und er will sogar noch einen Schritt weiter gehen: Die Kanten des Tischs abrunden, damit man sich vielleicht auch mal über den Tisch beugen kann, ohne sich an einer Kante anzustoßen. 

Wie schafft man das? Ich glaube – so abgedroschen dieser Satz klingen mag: Sprache schafft Wirklichkeit. Wir haben ja die Entscheidung, in welches Regalfach wir greifen, wenn wir mit und übereinander reden. Ob wir andere verteufeln oder respektieren. Ob wir die eigene Position sachlich klar markieren.

Ein einfacher Satz kann das Gespräch verändern. Jesus hat das einmal ganz einfach gesagt: „Ich muss heute in deinem Haus, an deinem Tisch sitzen.“ Mit abgerundeten Kanten würde mein E-Mail-Gesprächspartner hinzufügen. Ich bin dankbar für dieses schöne Bild, das ich per Mail erhalten habe.

Bibelnachweis: Lukas 19,5

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42860
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