SWR3 Gedanken

02SEP2025
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Ein Zettel hat mir den Rest des Konzerts versaut. Ich sitze in der Konzerthalle. Relativ weit hinten. Das Konzert ist nicht gut besucht, viele Plätze bleiben frei. Ich lasse mich von meinem Smartphone ablenken. Mitten im Konzert steckt mir ein junger Mann von hinten einen Zettel zu. Darauf steht: „Das ist voll unhöflich. Pack´ das Smartphone weg. Und: Du solltest mal mehr Sport machen.“

Er hat 'nen Punkt: Das mit dem Smartphone war unhöflich. Das muss wirklich nicht sein. Für den Rest des Konzertes beschäftigt mich aber vor allem der zweite Satz, sein Kommentar zu meinem Äußeren. Ich bin sichtbar übergewichtig.

Mich ärgert, dass dieser Mann sich rausnimmt mir Tipps zu geben. Und ich verstehe das nicht: Glaubt er ernsthaft, ich wäre nicht schon selbst auf die Idee gekommen, dass Sport eine gute Idee ist? Was dieser Mann alles nicht sieht, sind meine vielen Gedanken, die ich mir natürlich mache. Er sieht nicht, dass ich regelmäßig Sport mache. Er weiß nichts über die Gründe, warum ich übergewichtig bin. Er sieht auch nicht, dass er mich mit diesem Zettel hauptsächlich beschämt.

„Richtet nicht nach dem, was vor Augen ist, sondern richtet gerecht.“ Das rät die Bibel und ich finde das gut. Denn nichts anderes hat der Mann ja in dem Konzert gemacht. Er hat ein Urteil gefällt. Sich eine Meinung über mein Äußeres und über meine Persönlichkeit gebildet, ohne eine Ahnung zu haben, was bei mir eigentlich alles dahintersteckt. „Gerecht richten“ – dazu kommt mir in den Sinn, was eine Freundin für sich beschlossen hat: „Nichts kommentieren, was man nicht innerhalb von 3 Minuten ändern kann.“ Auf Spinat zwischen den Zähnen kann man ruhig hinweisen, auch auf das Smartphone, das unhöflich ist. Aber eben nicht auf die Äußerlichkeiten, die man nicht so schnell ändern kann. Ein guter Maßstab, finde ich. Einer, der andere nicht beschämt, sondern ihnen gerecht wird und wirklich hilfreich sein kann.

Bibelnachweis: Johannes 7,24

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