Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

28NOV2025
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Im Talmud (Traktat Kidduschin 29a), finden wir eine bemerkenswerte Liste elterlicher Pflichten. Dort heißt es unter anderem: „Ein Vater ist verpflichtet, seine Kinder Tora zu lehren, ihnen einen Beruf zu lehren – und sie schwimmen zu lehren.“ Schwimmen? Zwischen Tora und Berufsbildung wirkt das beinahe banal. Aber unsere Weisen setzen es auf eine Stufe mit der religiösen und existenziellen Lebensvorbereitung. Weil Schwimmen Leben retten kann. Es ist eine Fähigkeit, die – wortwörtlich – vor dem Ertrinken bewahren kann. Und das ist im Judentum ein heiliger Wert. Pikuach Nefesch – die Pflicht, Leben zu schützen – steht über fast allen anderen Geboten.

Schwimmen hat auch eine tiefere symbolische Bedeutung. Der deutsche Rabbiner Samson Raphael Hirsch, der im 19. Jhdt. lebte,  sah darin ein Bild für das Leben selbst: Der Mensch muss lernen, sich über Wasser zu halten, sich zu orientieren, nicht unterzugehen – auch wenn die Strömung stark ist.

Tora lernen heißt nicht nur Texte studieren, sondern auch das Leben verstehen. Ein Beruf bedeutet nicht nur Geld verdienen, sondern Verantwortung übernehmen. Und Schwimmen? Es heißt: Standhalten. Vertrauen lernen. Wenn wir unseren Kindern beibringen zu schwimmen – im Wasser und im Leben – dann geben wir ihnen Mut, Herausforderungen zu begegnen und sie zu meistern.

So wird aus einer scheinbar einfachen Fähigkeit ein Symbol für jüdische Erziehung insgesamt: körperlich, geistig und seelisch – ganzheitlich.

Möge uns das gelingen – für unsere Kinder, für uns selbst, und für unsere ganze Gemeinschaft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42840
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