Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

29AUG2025
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„Gerechtigkeit, Gerechtigkeit  - ihr sollst du nachjagen.“ (5.B.M.16:20)

Ein eindringlicher Satz aus der Tora. Und einer, der in seiner Wiederholung auffällt: Zedek, zedek tirdof – Gerechtigkeit, Gerechtigkeit – ihr sollst du nachjagen. Warum zweimal?

Vielleicht, weil es nicht nur um Gerechtigkeit für andere geht. Auch nicht nur um meine Vorstellung von Gerechtigkeit. Sondern um eine Gerechtigkeit, die alle mitdenkt: die Schwachen, die Stummen, die Fremden – auch die, mit denen ich vielleicht wenig gemeinsam habe.

Die Lesung aus der Tora für diesen Schabbat fordert: Setzt Richter ein. Schafft Strukturen, die fair entscheiden – nicht parteiisch, nicht bestechlich. Es geht nicht um Moral aus dem Bauch, sondern um Regeln, Verantwortung, Maß und Gegenmaß. Um Institutionen, die Vertrauen verdienen.

Und doch beginnt alles bei mir. Der Text spricht jeden Einzelnen an: Du sollst der Gerechtigkeit nachjagen. Aktiv, suchend, unermüdlich. Nicht bequem in der Zuschauerrolle. Nicht nur dann, wenn es mir selbst nützt.

In einer Zeit, in der der Ruf nach Gerechtigkeit oft schrill ist – manchmal auch selbstgerecht –, erinnert mich dieser Wochenabschnitt daran: Wahre Gerechtigkeit beginnt mit Zuhören. Mit Selbstprüfung. Und mit der Bereitschaft, mich selbst auch infrage stellen zu lassen.

Im Judentum ist dieser Vers zu einem moralischen Kompass geworden. Er steht über Gerichtshöfen, wird in Sozialarbeit zitiert, in Schulen gelehrt. Und er erinnert mich daran: Gerechtigkeit ist nichts Abstraktes. Sie beginnt im Kleinen – und sie verlangt viel.

Und vielleicht braucht es deshalb dieses doppelte Wort: Gerechtigkeit – Gerechtigkeit. Weil einmal nicht reicht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42836
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