Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Vor ein paar Tagen habe ich wieder damit angefangen, mir morgens etwas Zeit zu nehmen: in Ruhe ein Buch aufzuschlagen und eine Kleinigkeit lesen - davon habe ich schon die letzten zwei Tage erzählt. Und ich möchte Sie heute auch wieder mitnehmen, in einen Text, auf den ich in meinem evangelischen Gesangbuch gestoßen bin. Er stammt von Lothar Zenetti, einem katholischen Priester und Schriftsteller, der 2019 hochbetagt gestorben ist.
Er schreibt:
Einmal wird uns gewiß
die Rechnung präsentiert
für den Sonnenschein
und das Rauschen der Blätter,
die sanften Maiglöckchen
und die dunklen Tannen,
für den Schnee und den Wind,
den Vogelflug und das Gras
und die Schmetterlinge,
für die Luft, die wir
geatmet haben, und den
Blick auf die Sterne
und für all die Tage,
die Abende und die Nächte.
Einmal wird es Zeit,
dass wir aufbrechen und
bezahlen;
bitte die Rechnung.
Doch wir haben sie
ohne den Wirt gemacht:
Ich habe euch eingeladen,
sagt der und lacht,
soweit die Erde reicht:
Es war mir ein Vergnügen!
Lothar Zenetti, Die Rechnung ohne den Wirt gemacht
Was mir so gut daran gefällt: Dass Lothar Zenetti scheinbar erst mal so denkt, wie es „normal“ ist: Was ich bekomme, das muss ich auch zahlen.
Und er lässt mich merken: Eigentlich müsste das auch für die Dinge gelten, die ich gar nicht mehr beachte. Weil sie scheinbar selbstverständlich sind: Tag und Nacht, mein Blick in die Sterne, der Sonnenschein.
Lothar Zenetti hat bei mir einen Nerv getroffen: Denn je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass die schönen Dinge um mich herum gar nicht selbstverständlich sind – Sonne, Wind, Sterne, Freude – und dass ich sie irgendwann hergeben muss. Weil ich irgendwann aufbrechen werde; irgendwann sterben werde. Da ist es schön, in dem Gedicht zu spüren, dass die schönen Dinge um mich herum ein Geschenk sind – aus Gottes Hand.
Quelle: Ev. Gesangbuch, Stuttgart 1996, S. 941
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