SWR1 3vor8
Wenn ich mit anderen in einer Diskussion stecke – über Politik, übers Reisen, über Glaube und Religion und wenn wir dann so richtig fest stecken, dann fällt manchmal ein Satz, der bringt mich jedes Mal auf die Palme: „Ja ja“ heißt es dann „wahrscheinlich haben wir irgendwie beide Recht. Es gibt eben nicht nur eine Wahrheit.“
Oder es kommt irgendwann dieser Spruch: „Lassen wir die Meinung des anderen stehen.“ Was mich an solchen Sätzen stört – die Diskussion geht dann meistens niemals weiter. Stattdessen stehen wir nebeneinander da – jeder für sich. Jeder mit seiner persönlichen Wahrheit. Und bleiben mit der allein.
Die Menschen zur Zeit Jesu haben auch viel diskutiert: Über Gottes Gebote, sein Wort und was es fürs eigene Leben bedeutet. Jesus selbst auch, und einmal, in Jerusalem, da hat ihn ein Schriftgelehrter folgende Frage gestellt: „Welches ist das höchste Gebot von allen?“ Die Antwort von Jesus: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deinem Verstand und mit all deiner Kraft. Das zweite ist: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Mit dieser Antwort hat Jesus seinem Diskussionspartner aus dem Herzen gesprochen. Und sie waren sich einig: Ein anderes, größeres Gebot als diese gibt es nicht.
Über diese Wahrheit gibt’s für die beiden nichts weiter zu diskutieren. Und ich denke, wenn man sie ernst nimmt, dann sind diese Gebote auch eine gute Grundlage fürs Diskutieren überhaupt.
Gott, der Herr ist einer. Es ist eine Wahrheit und nicht mehrere nebeneinander. Ich könnte auch sagen: Es gibt ein „Richtig“ und ein „Falsch“. Und wenn ich in einer Diskussion stecke, dann sollte ich mit Herz, Seele und Verstand danach suchen. Und zwar gemeinsam mit meinen Mitmenschen. Mit meinem Nächsten, den ich lieben soll wie mich selbst. Ich sollte deshalb mein Ego beiseitelegen. Nicht Recht haben wollen, um zu glänzen. Nicht glauben, ich hätte die eine, einzig richtige Wahrheit schon. Ich muss bereit sein, gemeinsam mit anderen um sie ringen, zu diskutieren, zu fragen und sie zu suchen.
Natürlich braucht es dabei manchmal auch eine Pause. In der ich und mein Gegenüber einander stehen lassen können. Und einander zugestehen, dass wir beide recht haben könnten – jedenfalls teilweise. Aber dann sollte die Suche nach Lösungen, nach Antworten, nach einem gemeinsamen Weg auch wieder weiter gehen.
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