SWR Kultur Wort zum Tag

30AUG2025
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Heute, am jüdischen Sabbat, will ich an eine wunderbare Frau erinnern, mit der ich oft im Gespräch bin. Etty Hillesum ist ihr Name, eine hellwache lebenshungrige Niederländerin. Aufgrund einer Lebenskrise beginnt die frisch gebackene Juristin Anfang 1941 ein Tagebuch - für mich eines der größten Bücher des 20. Jahrhunderts, nicht nur ein faszinierendes Dokument der Zeitgeschichte, sondern der bewegende Blick in eine spirituelle Lebenswerkstatt. „Ich will die Chronistin dieser Zeit sein“, so lautet der Titel. Der letzte Eintrag darin nach 19 Monaten ist typisch für die empathische Kraft des Ganzen: „Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein“ – geschrieben in den schrecklichen Zeiten der Nazi-Besetzung und Judenverfolgung.

Am 26. August 1941, also vor fast genau 84 Jahren, notiert die suchende Etty: „In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen. Und darin ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar. Aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen und dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden.“  (132) . Und ganz am Schluss ihrer Aufzeichnungen heißt es, wie im Rückblick auf den intensiven Weg des Tagebuchs: „Was war das im Grunde für eine seltsame Geschichte von mir:  Von dem Mädchen, das beten lernte. Es ist meine intimste Gebärde, intimer als jede Gebärde mit einem Mann.“ (693). Ja, diese junge Frau hat Gott entdeckt und ist ein betender Mensch geworden. Im Herbst 1943 ist sie in Auschwitz ermordet worden, nicht einmal 30-jährig.

„Hineinhorchen“ – dieses deutsche Wort war für Etty Hillesum besonders wichtig. In der Tat ein Codewort authentischer Spiritualität. Im September 1942 notiert sie: „Eigentlich ist mein ganzes Leben ein einziges unablässiges `hineinhorchen`, in mich, in andere, in Gott. Und wenn ich sag: `Ich horch hinein `, dann ist es eigentlich Gott in mir, der ` hineinhorcht`. Das Wesentlichste und Tiefste in mir, das auf das Wesentlichste und Tiefste im anderen horcht. Von Gott zu Gott.“ (658) Ich kenne keine genauere Umschreibung dessen, was man Mystik nennen könnte – nicht in großen Worten oder auf besonderen Höhenflügen, sondern in der ganz banalen Alltagstreue.

Übrigens wusste zu Lebzeiten Etty Hillesums praktisch niemand von ihrem Tagebuch, aber sie tat vielen gut und strahlte Zuversicht aus. Unsereinem bleiben wenigstens ihre Texte, eine wahre Schatzkammer voller Sabbatkraft.

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