SWR Kultur Wort zum Tag
Gleich in der ersten Ansprache kam Papst Leo auf den Augustinerorden zu sprechen, dem er selber angehört. Tief geprägt ist er von diesem Augustinus, dem genialen Nordafrikaner aus dem heutigen Tunis. Von ihm übernahm der Papst auch das Motto für seinen eigenen Dienst, ziemlich aktuell auch für heute:“ in illo uno unum / in diesem Einen sind wir eins“. Oder etwas ausführlicher übersetzt: „in ihm, der eins ist mit sich und allem und Gott, sind wir eins“. Damals im Zerbrechen des römischen Reiches und der begonnenen Völkerwanderung eine brandaktuelle Maxime: Einheit in Vielfalt, wirkliche Verbundenheit aller Geschöpfe untereinander und mit Gott, Zusammengehörigkeit also und nicht egoistische Ausgrenzung. Gemeint mit dem Einen ist natürlich Christus: in ihm hat sich Gott mit jedem Menschen gleichsam vereinigt, wie das letzte Konzil sagte, er ist der Inbegriff des Friedens. Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild, und Christus dabei ganz besonders.
Was ich bei Augustinus besonders sympathisch finde: er ließ sich Zeit mit seiner Christwerdung; er liebte das wilde Leben; von dem, was man so Heiligkeit nennt, keine Spur. Er lebte während der Studien in Karthago und hatte eine Lebensgefährtin, die er später freilich schnöde zurückließ – gewiss kein Ruhmesblatt. Ehrgeizig und sinnenfreudig, war Augustinus auf schnelle Karriere aus, und das gelang dem Hochbegabten auch. Kaum 30-jährig wurde er in Mailand Lehrer und schnell Professor. Konsequent auf Wahrheitssuche, ließ sich Augustinus nicht mit halben Antworten abspeisen. Unermüdlich durchstreifte er fragend die damaligen Sinnangebote, bis er dann endlich fündig wurde und sich taufen ließ.
„Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“ – kaum ein Satz wird so oft zitiert wie dieser aus den großartigen Bekenntnissen des Augustinus, der ersten Autobiografie der Menschheit und nicht zufällig ein einziges Gebet. Gott, „du bist mir innerlicher als ich mir selbst, du bist mir höher, überlegener als ich selbst ...“. Tiefste Innerlichkeit im eigenen Leben und entschiedenste Mitverantwortung für die Weltverhältnisse gehören bei Augustinus zusammen, vielleicht war er der wirkmächtigste aller christlichen Theologen: Seelsorger und Bischof, Kirchenpolitiker und Startheologe. Vor allem war er ein liebender Mensch, ergriffen und ergreifend. Heute ist der kirchliche Gedenk- und Namenstag für diesen Heiligen. Wie gut, dass wir solch himmlische Begleiter haben.
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