Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Kürzlich hat mich jemand gefragt: „Was tun Sie eigentlich, um Gott näherzukommen?“
„Nichts“, habe ich geantwortet.
„Wie, nichts? Sie tun rein gar nichts?“ Es klang enttäuscht, fast entsetzt.
„Nein“, habe ich gesagt. Weil es nun mal stimmt. Vielleicht, weil ich Gott gar nicht näherkommen will. Denn das geht mit gewissen Risiken einher. Man muss nur mal in der Bibel nachschlagen: Die Leute, die Gott näherkommen, kriegen in der Regel ziemlich unbequeme Aufträge…
Ich meine, ich habe großen Respekt vor Menschen, die regelmäßig geistliche Übungen machen; oder feste Gebetsstunden einhalten. Oder meditieren. Aber mich zieht es leider nicht zu solchen Anstrengungen hin.
Ich bleibe wohl ein Mensch, mit dem Gott sich mehr abmühen muss als ich mich mit ihm... Und dennoch gelingt es ihm tatsächlich immer wieder, mich in Situationen hinein zu schubsen und etwas durch mich zu bewirken.
Selbst wenn ich es gar nicht will. An eine Szene erinnere ich mich besonders deutlich:
Da habe ich als Krankenhausseelsorgerin einen Patienten besucht, der war mir auf Anhieb unsympathisch. Er hat in jede Schublade gepasst, um die ich gerne einen großen Bogen mache: Er war ein offensichtlicher Menschenfeind.
Mürrisch und stets schlecht gelaunt. Vertreter eigenwilliger Verschwörungstheorien über die Strahlentherapie, die er doch so dringend gebraucht hätte. Hat den Ärzten nicht getraut. Und der Kirche schon gar nicht… - Kurzum, Gott musste mir schon ganz schön ins Gewissen reden, damit ich diesen Mann besuche.
Aber dann, bei meinem dritten Besuch, ist etwas geschehen:
Da habe ich plötzlich seine abgrundtiefe Einsamkeit gespürt. Und wie von fremder Hand geleitet, habe ich etwas getan, das ich eigentlich grundsätzlich nie tue: Ich habe mich neben ihn aufs Bett gesetzt und habe meinen Arm um ihn gelegt. Und er hat angefangen, bitterlich zu weinen. Denn ihn hatte schon so lange niemand mehr berührt.
