Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Das Wesentliche ist oft unsichtbar. Nehmen wir zum Beispiel die Luft zum Atmen. Oder Gedanken und Gefühle. Oder die Seele eines Menschen. All das ist unsichtbar. Und doch wird es manchmal sichtbar, wenn ich wachsam durchs Leben gehe.
Mein Schwiegervater hat immer, wenn er mit dem Hund rausgegangen ist, gesagt: „Wir gehen jetzt Zeitung lesen.“
Er hat beobachtet, wie intensiv sein Hund alles und jedes beschnuppert. Und für ihn war irgendwann klar: Sein Hund liest auf jedem Spaziergang die neuesten Hundenachrichten. So ist für meinen Schwiegervater etwas Unsichtbares sichtbar geworden: nämlich die gigantische Geruchswelt seines Hundes.
Gut, er hat es nicht wirklich gesehen. Ich weiß aber auch von Ausnahmesituationen, in denen Menschen tatsächlich etwas sehen, das sie normalerweise nicht sehen würden. Es sind Augenblicke außergewöhnlicher Hellsichtigkeit, in denen sich plötzlich eine ganz andere Wirklichkeit offenbart, eine verborgene Wirklichkeit.
Eine Frau hat mir einmal von so einer Erfahrung berichtet. Sie hat erzählt:
„Ich habe mit meinen Geschwistern am Sterbebett unserer Mutter gesessen. Alle waren untröstlich. Nur ich habe so eine seltsame Ruhe in mir gespürt. Und als meine Mutter dann schließlich gestorben ist, habe ich etwas unfassbar Schönes gesehen: Es war so eine Art durchsichtige Lichtkugel, kaum zu beschreiben, die hat ihren Körper verlassen. Für einen Moment hat sie über ihr geschwebt, wie zum Abschied, und dann ist sie langsam aufgestiegen und war nicht mehr zu sehen. Es war ein unbeschreibliches Glücksgefühl.
Während meine Geschwister sich die Augen ausgeweint haben. Aber ich konnte es ihnen nicht erzählen. Da waren Welten zwischen uns. Seither weiß ich: die Seelen der Toten sind sicher geborgen.“ So etwas - das sind selten kostbare Momente, in denen sich das Unsichtbare offenbart. Ein kleiner Blick in Gottes Ewigkeit, vielleicht…
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