SWR Kultur Wort zum Tag
Ein Sohn und seine Mutter. Das ist an und für sich schon eine aufregende Konstellation. Sagt einer, der selbst seit sechzig Jahren Sohn ist. Ich weiß bis heute, wie anspruchsvoll es oft ist, Sohn zu sein. Mit einer bald fünfundachtzigjährigen Mutter, die mich immer noch behandelt wie ein kleines Kind; die mich mit ihren Ansichten zum Wahnsinn treibt; über die ich mich wegen Kleinigkeiten ärgere. Und ich spüre, dass es umgekehrt meiner Mutter mit mir nicht anders geht. Dass sie sich von mir nicht genügend wahrgenommen fühlt und wie es sie beleidigt, wenn ich empfindlich reagiere. Manchmal vergleicht sie mich mit ihrem verstorbenen Ehemann und sagt: „Ganz der Vater!“ Es ist nicht ständig so. Aber eben immer wieder, und es wird auch nicht wirklich besser im Laufe der Jahre. Der Sohn bleibt immer der Sohn, die Mutter eben immer die Mutter.
Wenn die Mutter aber ihren Sohn anspuckt, wiederholt, zehn Minuten lang. Dann wird es interessant. Gar ernst. Tatsächlich gibt es das: zu sehen im Kunstmuseum Stuttgart in einer Videoinstallation des Künstlers Ragnar Kjartansson aus Island. Er selbst steht dort neben seiner Mutter, die ihn immer und immer wieder ansieht. Verächtlich, wütend, hasserfüllt. Zwischendurch sieht sie nur auf den Boden und beide stehen regungslos nebeneinander. Aber dann nimmt die Mutter erneut Anlauf und bespuckt den längst erwachsenen Mann, den sie zur Welt gebracht hat.
Es gibt Gründe, warum Sohn und Mutter sich übereinander ärgern und dem Luft machen wollen. Manchmal fehlen die Worte, weil man sich schon längst den Mund fusselig geredet hat und trotzdem stets in die alten Muster zurückfällt. Und wer weiß, ob man in Gedanken auch so weit war, dem anderen seine Verachtung und Abscheu endlich einmal zu zeigen.
Ich weiß schon: Es ist auch für mich unangenehm, wenn ich mir vorstelle, dass meine Mutter es tatsächlich tun würde: mich anspucken. Aber dann denke ich mir: Es könnte auch ein Akt der Seelenhygiene sein, den ganzen angesammelten Ärger endlich einmal loszuwerden. Ohne sich zu erklären. Fest vereinbart. Einfach raus mit allem, und dann ist es wieder gut, fürs erste. Ich könnte mir durchaus vorstellen, das auszuhalten. So dazustehen wie Kjartansson. Einigermaßen geduldig, weil ich begreife, was da geschieht und meiner Mutter zugestehe, sich zu befreien.
Der isländische Künstler hat diese Szene nun zum wiederholten Mal aufgenommen, immer im Abstand von fünf Jahren. Im Vergleich sieht man, wie er und seine Mutter altern. Sonst bleibt alles gleich. Das ist einerseits betrüblich, andererseits aber entspannt es mich. Meine Mutter und ich kommen immer wieder zusammen, solange wir leben. Wir tun, was wir können. Das tröstet mich.
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