SWR Kultur Wort zum Tag
Elisa und Lukas rechen gemeinsam Heu zusammen. Lukas hat die große Wiese vor dem Hof, wo ich Urlaub mache, vor zwei Tagen gemäht. Zum zweiten Mal in diesem Jahr. „Groamet“ heißt diese zweite Mahd in Südtirol, wie ich lerne. Die bleibt dann ein, zwei Tage liegen, damit die Insekten sich einen neuen Ort suchen können. Dann geht’s ans Rechen. Am Rand der Wiese muss das von Hand gemacht werden, weil die Maschinen da nicht gut hinkommen. Und so stehen eines Morgens die beiden jungen Leute auf der Wiese, und ich kann zuschauen, wie sie arbeiten. Sehr konzentriert und schnell. Zu sprechen gibt es kaum etwas. Die beiden wissen, wie’s geht und sind aufeinander eingespielt. Im Handumdrehen sind sie fertig. Aber ich bewahre das Bild von den beiden in mir auf, weil es so schön ist. Elisa und Lukas sind so um die zwanzig und ein Paar. Lukas kümmert sich um die Landwirtschaft. Elisa arbeitet in einem Hotel – und ist da, wenn Lukas sie braucht. Dass diese zwei jungen Leute so selbstverständlich zusammenarbeiten, als gäbe es nichts anderes, dass sie einer körperlich so anstrengenden Arbeit nicht aus dem Weg gehen, ja, dass es ihnen sogar sichtbar Freude macht – das hat mich tief berührt. Weil ich das sonst selten erlebe, und weil ich darin etwas sehr Kostbares sehe.
Es ist gut und wichtig, wenn Menschen sich zusammentun und an einem Strang ziehen. Und wenn sie es tun, weil sie ein Paar sind und miteinander durchs Leben gehen wollen, ist das ein unübersehbares Zeichen für andere. Schaut her, das geht zusammen besser als allein. Und überhaupt lohnt es sich, weil dann eins und eins nicht nur zwei ergibt, sondern oft viel mehr.
Als ich Elisa und Lukas darauf anspreche, wissen sie damit nicht wirklich etwas anzufangen. Für sie ist es offenbar tatsächlich selbstverständlich, dass es so ist. Alles andere wäre für sie seltsam, fremd. Und da spüre ich, wie weit das weg ist von dem, was ich sonst oft erlebe; wie schwer es mir manchmal selbst fällt, mich auf andere einzulassen. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr halte ich das Bild fest, dass die beiden auf der großen Südtiroler Wiese mit ihren Rechen in der Hand abgegeben haben. Es ist so etwas wie meine kleine Vision vom menschlichen Miteinander. Ich bewahre das Bild in mir, damit ich es dann herausziehen kann, wenn ich spüre, wie sehr unsere Welt das braucht.
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