SWR4 Sonntagsgedanken
Es gibt Situationen im Leben, da hat man nicht in der Hand, was man zu Essen bekommt.
So ging es mir vor ein paar Jahren auf dem Franziskusweg. Dass ist ein Pilgerweg, der durch die Toskana und Umbrien führt. An Orten vorbei, wo der heilige Franziskus gelebt hat oder zumindest mal vorbeigekommen ist. Ich war alleine unterwegs. Jeden Tag. Und abends habe ich meistens einfach in einem Kloster am Weg gefragt, ob ich übernachten kann. Manchmal durfte ich dort auch mitessen.
An einem Abend klingelte ich an so einem Kloster. Ich war nach dem langen Tag und den vielen Kilometern ziemlich müde und auch ziemlich hungrig. Eine freundliche Schwester öffnet mir die Tür, heißt mich gleich willkommen und zeigt mir einen Schlafplatz. Sie sagt dann, dass es in einer halben Stunde Abendessen geben würde. Ich sei herzlich eingeladen. Großartig. Was für ein Glück! Ich muss also nicht mehr los und im Ort noch etwas zu essen suchen.
Als ich in den Speisesaalkomme sehe ich, dass außer den Schwestern noch einige andere Gäste da sind. Jemand erzählt mir, dass sie zur Familie einer der Schwestern gehören und zu Besuch sind. Dann ist es kurz still, wir beteten, setzen uns und es wird aufgetischt. Mir wird zuerst ein Teller gebracht.
Wir beginnen zu essen und als ich um mich blicke, fällt mir plötzlich auf: Wir haben nicht alle das Gleiche bekommen. Nur ich habe Fleisch auf dem Teller.
Das war mir peinlich. Ich, der gerade erst gekommen war, der keinen hier kannte, weder zu dieser Gemeinschaft noch zu jemandes Familie gehörte. Ich, der so schlecht italienisch spricht, dass er mit niemandem wirklich reden kann und gerade ich habe mein Essen als erster bekommen und dazu auch das Beste.
Die Situation hat mich ganz schön zum Nachdenken gebracht und ich habe mich gefragt:
Würde ich das tun? Würde ich nicht viel eher den Gästen, die ich gut kenne, die mir nahe stehen, das beste Essen geben? Die mich loben, wie gut es wieder ist. Von denen ich weiß, dass ich nächstes Mal bei Ihnen auch etwas Gutes aufgetischt bekomme.
Aber an diesem Abend bekam ich das beste Essen. Der Fremde. Den man wahrscheinlich nie wieder sehen wird.
An diesem Abend habe ich begriffen, was Gastfreundschaft bedeutet.
Ich spreche heute in den SWR4-Sonntagsgedanken über Gastfreundschaft, über Einladungen zum Essen und wie man mit Fremden umgeht.
Um all das geht es auch in vielen biblischen Geschichten. Ums Essen sowieso. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass es in fast jedem Gottesdienst Brot und Wein gibt. In Erinnerung daran, wie Jesus mit Menschen vor zweitausend Jahren gegessen hat und wie zugewandt und gastfreundlich er gewesen ist.
Einmal sagt Jesus: wenn man eingeladen ist, soll man sich nicht auf die besten Plätze oben am Tisch setzen, sondern auf die untersten, damit man im besten Fall gebeten wird, aufzurücken. Nicht umgekehrt.
Und er sagt weiter: Wenn man selber der Gastgeber ist, soll man eben nicht nur die einladen, die man kennt. Die eigene Familie und die engsten Freunde. Sondern auch die, denen es guttut, weil sie nie eingeladen werden, und gerade die, die sich sonst nicht eingeladen fühlen.
Das erinnert mich an ein Trauergespräch mit einer Frau. Sie hatte ihren Mann verloren, er war kurz vor Weihnachten gestorben. Sie hat mir erzählt, dass es ihr eigentlich gut tun würde an Heiligabend in den Gottesdienst zu gehen und dann hat sie gesagt: „Aber ich gehöre zu den Leuten, die sie ja nicht so mögen, Herr Pfarrer.“ Ich war kurz geschockt, weil ich wirklich nicht wusste , warum sie das dachte. Ich hab sie dann gefragt, wie sie darauf kommt. Ihre Antwort war: „Weil ich zu den Menschen gehöre, die das ganze Jahre über nicht in die Kirche gehen.“
Ich sagte ihr, dass das völliger Nonsens sei. Sie ist im Gottesdienst willkommen, egal, ob sie jeden Sonntag da ist oder nur einmal im Jahr. Das macht keinen Unterschied.
In Gottesdiensten werden ja keine bonuspunkte vergeben, wie beim Einkaufen.
Trotzdem hat mich dieses Gespräch nachdenklich gemacht. Denn es muss ja einen Grund geben, weshalb die Frau glaubt, dass sie nicht willkommen ist.
Ich frage mich deshalb: Wie kann das gehen, dass Menschen sich willkommen fühlen? Und die Antwort ist für mich ganz klar: Nur durch andere Menschen.
Dass es ganz einfach gelingen kann, das habe ich von Frau Keinath gelernt, einer älteren Dame in meiner früheren Gemeinde. Frau Keinath war eine herzensgute Frau. Immer lächelnd. Mit einem zauberhaften französischen Akzent.
Sie hatte immer sofort bemerkt, wenn jemand neues im Gottesdienst aufgetaucht ist und hat diejenigen nachher angesprochen. Ganz unaufgeregt. Hat einfach gefragt, woher sie kommen und was sie hergeführt hat. Und dann immer gesagt: „Es ist so schön, dass Sie da sind.“
Ich glaube Frau Keinath hatte begriffen, was Jesus damals den Menschen gesagt und vorgelebt hat. Was Gastfreundschaft bedeutet. Da reicht manchmal ein Lächeln und eine freundliche Frage, damit ein Mensch das Gefühl hat: Ich bin hier willkommen. Auch wenn er nur ein einziges Mal zu Gast war.
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