SWR4 Abendgedanken

28AUG2025
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„Ach, früher waren halt noch mehr Menschen am Sonntag in der Kirche.“

Den Satz höre ich öfters. Oft verbunden mit der Aufzählung, wie viele Ministranten damals da waren und wie wenig junge Leute man heute in der Kirche sieht.

Das mag ja alles stimmen. Aber ehrlich gesagt nervt mich diese Aussage.

Es klingt verdächtig nach: „Früher, war alles besser.“ Und das ist gar kein kirchliches, sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Vermutlich ist es menschlich, die Vergangenheit zu verklären. Davon wird schon in der Bibel erzählt, als Gott das Volk Israel durch die Wüste heimführt. Sie kriegen zwar zu essen und zu trinken, aber immer wieder fangen sie an zu jammern. Es ist zu heiß, es gibt immer das Gleiche, vielleicht hätten sie doch nicht mitkommen sollen. Und dann sagen sie sogar: „Ach, in Ägypten war es doch eigentlich ganz schön. Wir hatten besseres Essen und ein sicheres Zuhause.“ Es scheint, sie haben einen entscheidenden Punkt völlig vergessen: Sie waren dort Sklaven, hatten nichts zu sagen, waren unterdrückt.

Ich sehe da ziemlich viele Gemeinsamkeiten. Ja, die Gottesdienste sind nicht mehr so voll, wie früher. Aber was viele völlig vergessen: Die Sozialkontrolle war früher viel höher. Man hat genau gesehen, wer nicht in der Kirche war. Die Priester waren fast heilig und unantastbar. Das hat zu Übergriffen und Missbrauch geführt. Und es gab streng ritualisierten Gottesdiensten auf Latein, an denen die Gemeinde null beteiligt war. Ist das wirklich die Kirche, die manche zurückhaben wollen? Die früher angeblich besser war?

Heute kommt nur noch, wer wirklich will, in die Kirche und niemand, weil er muss - und das finde ich gut.

Trotzdem höre ich bei Veranstaltungen in der Kirchengemeinde immer wieder Leute sagen, wie schön es doch wäre, wenn doch mehr da wären. Natürlich verstehe ich diese Kommentare. Aber sie helfen nicht weiter, denn ich habe den Eindruck, die Leute reden sich ein eigentlich schönes Erlebnis dadurch oft schlecht. Weiter hilft, meiner Meinung nach nur, das Beste aus dem zu machen, wie es jetzt gerade ist und mit denen, die jetzt gerade da sind und nicht die Vergangenheit zu verklären. 

Grundsätzlich halte ich es hierbei lieber mit Peter Ustinov, der einmal so schön gesagt hat, dass wir uns ja freuen können, denn „jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen“. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42807
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