Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Wir haben unsere Oma im letzten Moment ihres Lebens nochmal glücklich gemacht“. Die Enkelin hat gestrahlt, als sie das gesagt hat.
Ich habe die verstorbene Frau von meinen Besuchen im Seniorenheim gekannt. Sie war bei den Gottesdiensten dabei. Ganz stolz hat sie immer von ihrer Familie erzählt. Von ihren Kindern und Enkeln, die sie immer besuchen kommen und sie auch mal abholen für eine Feier in der Familie. An einem Abend hat mein Telefon geklingelt. Eine Pflegerin vom Seniorenheim war dran. Ob ich schnell kommen könnte: Die alte Dame liege im Sterben. Als ich dort war, bin fast gar nicht in ihr Zimmer reingekommen, so viele Menschen waren schon vor der Tür und im Zimmer selbst. Die ganze Familie, Kinder, Enkel und Verwandte waren gekommen, um sich von ihr zu verabschieden.
Die Frau konnte nicht mehr sprechen, aber sie hat alles wahrgenommen. Ich habe der Frau die Krankensalbung gegeben und ihr den Segen Gottes zugesprochen. Früher hat man gesagt „die letzte Ölung“. Zusammen mit allen, die da waren, haben wir gebetet und gesungen. Als ich gegangen bin, habe ich der Familie noch gesagt: „Sagen Sie ihr nochmal alles, was Sie auf dem Herzen haben“. „Das haben wir schon gemacht“, hat ihre Tochter zu mir gesagt, „- wir haben nur noch auf Sie gewartet und auf den Segen“.
Beim Gespräch zuhause bei der Familie habe ich gefragt, wann die Dame gestorben ist. „Sie waren noch nicht unten zur Tür raus“, hat ihre Tochter da gesagt.
In diesem Moment habe ich verstanden, was ihre Enkelin gemeint hat mit dem Satz „Wir haben unsere Oma im letzten Moment ihres Lebens nochmal glücklich gemacht“. Alle waren da und haben sich verabschiedet. Und ihr Vertrauen auf Gott hat ihr die Kraft gegeben, ganz loszulassen. Für mich eine ganz bewegende Erfahrung. Eine Geschichte vom Glücklichsein - bis zum Schluss.
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